Dienstag, 25. März 2014

[Rezension] Arkadien erwacht – Kai Meyer



Titel: Arkadien erwacht
Autor: Kai Meyer
Verlag: Carlsen Verlag
Erscheinungsdatum: August 2012
Einband: Softcover
Seiten: 448
ISBN: 978-3-551311-47-4
Preis: 8,99 € [D]

Klappentext:
»Er senkte den Pantherschädel, leckte die Menschenhaut wie Milch von ihrem Körper und entblößte die goldenen Schuppen ihres Schlangenleibs.«
Die Einsamkeit Siziliens birgt düstere Mythen und Legenden. Raubtiere jagen menschliche Beute in den Hügeln. Raubtiere, die sich hinter der Maske verfeindeter Mafia-Clans verbergen.
Als eine Tragödie Rosa aus New York nach Italien führt, ahnt sie nicht, dass sie viel mehr ist als nur ein Mädchen auf der Flucht. Bis sie Alessandro begegnet. Seine kühle Anmut, seine animalische Eleganz faszinieren und verunsichern sie. Nach den Gesetzen der Mafia müsste er ihr Todfeind sein – doch dann stoßen sie gemeinsam auf das uralte Geheimnis ihrer Familien...

Einordnung:
- Arkadien erwacht (Teil 1)
- Arkadien brennt (Teil 2)
- Arkadien fällt (Teil 3)

Rezension:
Die Hauptfigur dieses Buches heißt Rosa Alcantara. Von Anfang an bekommt der Leser den Eindruck, dass sie teilweise ein bisschen verdreht im Kopf ist. Ihre Wahrnehmung der Dinge ist manchmal sehr anders, doch das hilft im späteren Verlauf dabei, ihre Reaktionen als authentisch und nicht vollkommen abwegig einzustufen. Seit einem Vorfall in ihrem Leben, über den Genaueres erst später bekannt wird und der ihr ganzes Leben überschattet, lebt sie in der ständigen Erwartung von Gefahrensituationen. Damit sie im Zweifelsfall nicht davon überrascht wird, führt sie diese Situationen oft selbst herbei. Eine Möglichkeit dafür ist beispielsweise Diebstahl. Im Laufe der Geschichte erweist sie sich immer wieder als geschickte Diebin, die den Menschen sogar Ringe vom Finger stehlen kann, ohne dass diese das mitbekommen. Trotzdem tut sie es nur der Gefahr wegen und nicht, um sich zu bereichern, denn sie behält die gestohlenen Gegenstände niemals. Es scheint wie eine Zwangsneurose zu sein.

Im Grunde ist es aber kein Wunder, dass sie illegale Dinge tut, denn der Alcantara-Clan gehört schon seit Generationen zur Mafia. Fast das gesamte Buch dreht sich um das Leben als Mafioso, die ständige Polizeiüberwachung und immerwährende Fehden zwischen verschiedenen oder innerhalb eines Clans. Als Grund dafür hat der Autor aber ein Fantasyelement eingeführt, sodass es nicht auf typische Streitigkeiten um Territorien oder Geld hinausläuft. Die Arkadischen Dynastien verleihen der Geschichte einen ganz anderen Grundton, der mehr Spannung erzeugt als die üblichen Mafia-Auseinandersetzungen.
Da Rosa erst 17 Jahre alt ist und mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Zoe in Brooklyn gelebt hat, weiß sie kaum etwas über die Strukturen der Mafia oder die Familiengeschäfte. Als sie auf Sizilien landet, muss sie daher Schritt für Schritt in die Zusammenhänge eingeführt werden. Das erleichtert es dem Leser, sich mit den Eigenheiten der Cosa Nostra vertraut zu machen und in den diversen Begrifflichkeiten zurechtzufinden. So lernt Rosa, dass die Mafia einen Ehrenkodex besitzt, nachdem einem verstorbenen capo, wie die Oberhäupter der verschiedenen Clans heißen, bei der Beisetzung von allen anderen capi die letzte Ehre erwiesen wird, auch wenn sie zu Lebzeiten erwiesenermaßen Todfeinde waren. Eine solche Beisetzung ist der erste offizielle Termin, den sie mit ihrem Clan wahrnimmt. Und der Todfeind des Verstorbenen ist ausgerechnet ihre Familie.

Da der Clan einen Nachfolger für den verstorbenen capo braucht, reist sein Sohn aus einem amerikanischen Internat an: Alessandro Carnevare. Sobald er in wenigen Monaten volljährig ist, steht ihm das Amt seines Vaters zu. Da Rosa ihm schon im Flugzeug begegnet und sie ungefähr dasselbe Alter haben, ist von Anfang an klar, welche Rolle er spielen wird. Dass schon im ersten Moment, ohne überhaupt eine genauere Ahnung über die verschiedenen Clans der Mafia zu haben, offensichtlich ist, dass die Geschichte der beiden zu einer Mischung aus „Romeo und Julia“ und „West Side Story“ werden wird, finde ich ein bisschen schade.
Nichtsdestotrotz gefallen mit die beiden Charaktere sehr gut. Sie sind erstaunlich vielschichtig und es gibt immer wieder neue Seiten an ihnen zu entdecken, während sie in einem Dilemma aus Liebe und Verantwortung gegenüber der Familie stecken. Da sie beide auf der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen, kann der Leser mit ihnen das arkadische Vermächtnis entdecken, das in ihnen steckt. Besonders diese Beschreibungen sind dem Autor gut gelungen, denn der Leser erlebt Rosas Verwirrung hautnah mit.

Das ganze Buch jagt ein Problem das nächste. Vom Schatten ihrer Vergangenheit verfolgt, erlebt Rosa Mord und Totschlag, Gewalt, Angst, Manipulation und Verrat. Auf niemanden ist Verlass, nicht einmal auf die eigene Familie. Jeder manipuliert und betrügt alle anderen nach allen Regeln der Kunst. Wo Worte nicht reichen, um einen ganzen Clan auseinander brechen zu lassen, wird brutal Gewalt angewandt. Als dann das Konkordat, das seit vielen Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten, einen Waffenstillstand zwischen den Alcantaras und den Carnevares sichert, für gebrochen erklärt wird, gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle. Es herrscht eine unglaubliche Spannung und immer, wenn sie gerade abzuflauen droht, taucht eine neue Variable auf und heizt sie wieder an.
Denn die Clans sind sich nicht nur untereinander spinnefeind. Es gibt auch Bedrohungen von außerhalb und mysteriöse, ungelöste Rätsel. Doch was genau es mit der Organisation TABULA auf sich hat und worin die Verbindung zwischen den Lamien und den Panthera besteht, die beide Clans um jeden Preis tot schweigen wollen, hat sich der Autor für die nächsten beiden Teile aufgehoben.

Fazit:
Fast über das gesamte Buch hinweg herrscht große Spannung. Neben blutigen Morden, Verrat und Intrigen besitzt die Geschichte alle Elemente, die für einen Roman über die Mafia notwendig sind. Durch die fantastischen Elemente, die der Autor in die Geschichte eingefügt hat, eröffnet sich aber eine ganz neue Perspektive. Die Charaktere sind komplex und realitätsgetreu und helfen dem Leser dabei, sich in die Gegebenheiten der Geschichte einzufinden. Der einzige Makel des Buches ist, dass es an mehr als einer Stelle ziemlich vorhersehbar war, wodurch dann ein gehöriges Stück Drama gefehlt hat. Deshalb bekommt „Arkadien erwacht“ insgesamt vier Schreibfedern.


0 Kommentare

Kommentar veröffentlichen