Mittwoch, 12. November 2014

[Rezension] Yep: Warum nicht anders? – Jobst Mahrenholz [Hrsg.]



Titel: Yep – Warum nicht anders?
Herausgeber: Jobst Mahrenholz
Verlag: Dead Soft Verlag
Erscheinungsdatum: 24. Oktober 2014
Einband: eBook
Seiten: 197
ISBN: 978-3-944737-73-7
Preis: 5,99 € [D]

Klappentext:
15 Jahre dead soft verlag – zu diesem Jubiläum gibt es die passende Anthologie. Sieben brandneue Kurzgeschichten von Susann Julieva, Sandra Gernt, Sandra Busch, Sabine Damerow, S.B. Sasori, Jobst Mahrenholz und Simon Rhys Beck. Der Erlös dieses Buches geht an die Initiative Rosa-Lila in Neubrandenburg. Alle Mitwirkenden verzichten auf ihr Honorar.

Einordnung:
Es handelt sich um eine Anthologie, die kein Teil einer Reihe ist. Um die Geschichte von S. B. Sasori entsteht allerdings momentan ein kompletter Roman.

Rezension:
Die Anthologie bedient trotz ihrer Kürze eine sehr große Vielfalt von Charakteren und Beziehungen. Es gibt den Klischeeschwulen mit ausgeprägter weiblicher Seite, aber auch das vor Männlichkeit strotzende Muskelpaket. Außerdem befassen sich die verschiedenen Beiträge mal mit sanfter, vorsichtiger emotionaler Zuneigung zwischen den Protagonisten, mal erlebt der Leser die erste Liebe eines Jugendlichen und manchmal geht es auch bloß um die körperliche Leidenschaft. Diese Vielfalt sorgt dafür, dass die Geschichten sich selbst in ihrem grundsätzlichen Aufbau unterscheiden. In diesem Punkt ist die Anthologie wirklich gelungen.

Obwohl in allen Geschichten natürlich homosexuelle Charaktere vorkommen, spielt das aber nicht immer eine Rolle. Es gibt Geschichten wie „Wahre Christen“ (von Sandra Gernt), die um Homosexuelle aufgebaut sind, aber auch solche Beiträge, in denen die Geschichte mit heterosexuellen Charakteren ebenso funktioniert hätte (z. B. „Sommer am See“ von Susann Julieva) oder in denen die Homosexualität, wie in S. B. Sasoris Geschichte „Tanz auf dem Drahtseil“, nur ein kleiner Teil des Hauptthemas ist.

Zur Handlung möchte ich speziell anmerken, dass Sandra Gernt mit „Wahre Christen“ zwar das Klischee der erzkatholischen Familie aus Bayern bedient, die absoluten Hass auf Homosexuelle schiebt, es jedoch nicht dabei belässt. Wo normalerweise dann der Hass in die andere Richtung, nämlich auf die intoleranten Christen, geschürt wird, wird hier auch die andere christliche Perspektive dargestellt, in der Gott jeden Menschen liebt und die Nächstenliebe nicht vor Homosexuellen Halt machen sollte. Das rechtfertigt die Intoleranz vieler Christen nicht, aber es verhindert, dass sie alle in einen Topf geworfen werden, denn „Christ“ lässt sich genauso wenig verallgemeinern wie „Schwuler“. Dieser Aspekt, der häufig nicht dargestellt wird, hebt die Geschichte aus dem Strom purer Klischee-Homophobie-Geschichten heraus.
Die Charaktere haben mir bei S. B. Sasori besonders gefallen, weil sie keine Prototypen sind, keine Stereotype, die das positive oder negative Extrem vertreten. Ihre Gedanken und Reaktionen sind wunderbar authentisch, weil durchaus mal zurückhaltend reagieren, überfordert sind und Zeit zum Nachdenken brauchen. Bei all der Toleranz sind sie immer noch Menschen, die das Outing des Sohnes doch auch überrumpeln kann. Die perfekte Reaktion hat niemand parat, aber in dieser Geschichte ist das nicht gleichbedeutend mit Intoleranz, wodurch eine herrliche Glaubwürdigkeit entsteht. Besonders erwähnenswert finde ich, dass sich das über alle Charaktere hinweg erstreckt und nicht bloß die Protagonisten so aufgebaut sind.

Positiv aufgefallen ist mir im Verlauf des Lesens, dass die ersten Geschichten sehr keusch geschrieben sind und explizite Szenen nur angerissen und dann ausgeblendet werden, sofern es überhaupt dazu kommt. Nicht einmal das ist in jeder Geschichte nötig. So liegt viel die Handlung im Vordergrund, durch die sich die Beiträge voneinander unterscheiden. Leider findet dann aber die komplette Erotik mit allen expliziten Szenen in einer einzigen Geschichte statt, sodass das Verhältnis zwischen Handlung und Sex dort deutlich zu letzterem tendiert. Prinzipiell ist das keine schlechte Idee, körperliches Verlangen gehört schließlich auch zum Leben, für mich häufte es sich aber etwas arg heftig.

Auch an anderen Stellen gibt es noch kleine Schwachpunkte. Manchmal ist das Drama der Geschichte ein bisschen unrealistisch und überzogen, sodass eine sanftere Lösung vielleicht der bessere Weg gewesen wäre, schließlich ist in einer Kurzgeschichte nur begrenzt Platz. An einer anderen Stelle erfolgen immer wieder längere und für die Handlung nicht zwingend notwendige Aufzählungen, die sich zwar leicht überspringen lassen, ansonsten aber den Lesefluss unterbrechen. Insgesamt sind es aber nur hin und wieder kleine Schönheitskorrekturen.

Fazit:
Die Anthologie enthält abwechslungsreiche Geschichten mit vielfältigen Charakteren. Klischees werden bedient und gebrochen und es wartet hin und wieder eine ordentliche Überraschung auf den Leser. Hier und da gibt es kleine Ungereimtheiten, die aber im Grunde nur wegen der Kürze der Geschichten auffallen. Daher bekommt „Yep – Warum nicht anders?“ insgesamt vier Schreibfedern von mir.


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