Montag, 26. Januar 2015

[Rezension] Drahtseiltänzer – S. B. Sasori



Titel: Drahtseiltänzer
Autor: S. B. Sasori
Verlag: Self-Publishing
Erscheinungsdatum: 07. Januar 2015
Einband: Softcover
Seiten: 309
ISBN: 978-1-505451-74-0
Preis: 9,99 € [D]

Klappentext:
Ein Tanz auf dem Drahtseil, ein Deal, der zum Verrat zwingt und eine Nacht am Strand, getaucht in Geborgenheit und Nähe. Doch die Sonne geht auf und der neue Tag schlingt vertraute Fesseln um Ciros Leben.
Ein toter Bruder, ein missratenes Outing und eine Spontanreise in die Toskana. Noah braucht Abstand zu sich und seinen Eltern. Nicht zu dem Italiener mit dem verträumten Blick und den braungebrannten Füßen in sandigen Flip-Flops.

Einordnung:
Das Buch ist kein Teil einer Reihe, beruht jedoch auf einer Kurzgeschichte aus der Anthologie „Yep – Warum nicht anders?“.

Rezension:
Nachdem ich Noah und Ciro bei der Leserunde zur Anthologie „Yep – Warum nicht anders?“ kennen gelernt habe, musste ich mir den Roman mit ihrer Geschichte natürlich auch direkt zulegen. Meine Erwartungen waren dementsprechend hoch, als ich das Buch aufgeschlagen habe. Jetzt kann ich sagen, dass sie sich allesamt restlos erfüllt haben. Diese Geschichte ist von vorne bis hinten ein Traum.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd von Noah (17), einem Schüler aus Berlin, und Ciro (19), einem italienischen Drahtseiltänzer, jeweils aus der Ich-Perspektive. Die beiden Sichtweisen ergänzen sich gut und da sie einander fortsetzen und nicht überschneiden, wird die Geschichte auch nicht ausgebremst. Zugleich baut der Perspektivenwechsel Spannung auf, denn der Leser ist damit schon sehr früh in ein großes Geheimnis eingeweiht, das Ciro mit sich herumträgt, und kann daher auf jeder Seite bangen, wann Noah es herausfindet und wie er darauf reagieren wird.

Spannung ist jedoch bei weitem nicht alles, was das Buch zu bieten hat. Die gesamte Geschichte ist emotional wirklich mitreißend geschrieben. Es hat mich schon zu Beginn gepackt und einfach nicht mehr los gelassen. Mit Noah habe ich Ciro angehimmelt, bittere Tränen geweint und seinen Schmerz geteilt, ihn plötzlich nicht mehr finden zu können. Und ich habe mit Ciro unter den Demütigungen seines Bruders gelitten und in Noahs Nähe Herzrasen gehabt. Das Buch nimmt mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, die ich so schon lange nicht mehr erlebt habe. Selbst jetzt, nach einer Woche, bekomme ich noch Herzrasen, wenn ich an die Geborgenheit in Noahs Arme denke, und einen Kloß im Hals, wenn ich mich an Ciros Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit erinnere. Es ist vollkommen gleich, ob es sich um eine positive oder eine negative Emotion handelt, die Autorin hat Worte gefunden, um beide von den Figuren auf den Leser zu übertragen.

Trotz der vielen packenden Emotionen bewegt sich die Geschichte aber immer in einem realistischen Rahmen und steckt ihre Hoch- und Tiefpunkte so, dass sie nicht ins Extreme abrutschen. Gerade das macht das Buch so lebendig und vermittelt das Gefühl, es könnte alles wirklich so passieren, weil weder Noah noch Ciro sofort sein komplettes Leben für den anderen über den Haufen wirft, es auf der anderen Seite aber auch keine übertrieben tragischen Dramen gibt, die die meisten Menschen in ihrem Leben definitiv niemals werden durchmachen müssen. Die Handlung bewegt sich in angemessener Weise zwischen positivem und negativem Extrem und ist gerade deshalb durchweg absolut mitreißend.

Für mich ist dieser Roman, nachdem ich bereits die Kurzgeschichte gelesen habe, auch besonders deshalb gelungen, weil diese in die erste Hälfte des Buches eingebaut ist. Immer wieder finden sich wortwörtliche Zitate und Szenen werden erneut wiedergegeben, aber an den richtigen Stellen folgen weitere Ausführungen. Die Handlung wird mit weiteren Details ausgeschmückt und vervollständigt, um Zusammenhänge und zeitliche Relationen noch besser zu erklären. Die zweite Hälfte des Buches widmet sich außerdem der Weiterführung des offenen Endes, sodass der Leser diesmal nicht in der Luft hängen bleibt und einen runden Abschluss vorfindet. Selbst für diese letzte Szene hat die Autorin noch genau den richtigen Moment  abgepasst, um alle Handlungsstränge abgeschlossen zu haben, aber gleichzeitig nicht so weit in die Zukunft zu blicken, dass eine Fortsetzung nötig wäre – obwohl ich mich darüber bestimmt nicht beschweren würde.

Fazit:
Dieses Buch hat mich von vorne bis hinten überzeugt. Noah und Ciro sind sehr tiefe, lebendige Charaktere, deren Gefühle sich auf den Leser übertragen. Ihre Geschichte ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die mir auch jetzt noch Herzklopfen beschert. Trotzdem bewegt sich die Handlung immer im realistischen Normalbereich und das ist auch gut so, denn übertriebene Extreme hat das Buch wahrlich nicht nötig. „Drahtseiltänzer“ ist definitiv eines meiner Lieblingsbücher und bekommt dafür alle fünf Schreibfedern.


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