Montag, 19. Januar 2015

[Rezension] Mein letzter Wille – Nele Betra



Titel: Mein letzter Wille
Autor: Nele Betra
Verlag: Self-Publishing
Erscheinungsdatum: 17. November 2014
Einband: Softcover
Seiten: 114
ISBN: 978-1-503268-82-1
Preis: 6,99 € [D]

Klappentext:
Sitzengelassen vom Vater ihrer Tochter, bittet Florence ihren Bruder Finley um die Rückkehr nach Hause. Als Single und freischaffender Webdesigner erfüllt er ihren Wunsch und gemeinsam sind sie für Isabell da. Der Alltag hält Einzug und alles verläuft wunderbar, bis ein schreckliches Unglück passiert, welches Fin vor eine grundlegende Entscheidung stellt, die sein Leben für immer verändert.

Einordnung:
Das Buch ist kein Teil einer Reihe.

Rezension:
Die Geschichte ist recht kurzweilig, doch darin liegt in diesem Fall auch eine gewisse Würze. Trotz der wenigen Seiten umfasst die Geschichte eine ordentliche Zeitspanne, die sich aufgrund vieler Szenenwechsel aber nicht in die Länge zieht. Alle für die Handlung wichtigen Details werden in Ruhe eingeführt, beginnend bei den Charakteren, ihren Gefühlen und Gedanken bis hin zu den Vorurteilen der Gesellschaft und logistischen Problemen. Jede geschilderte Szene spielt eine Rolle, sodass der Leser immer ganz aktuell am Ball bleibt und sich nicht in langatmigen Ausschweifungen verliert. Wegen der vielen zeitlichen Sprünge zwischen den Szenen verläuft die Handlung zwar nicht so fließend, dass sie mich vollends hätte mitreißen können, doch das Buch bietet trotzdem gute Unterhaltung und ist bei Weitem nicht langweilig.

Besonders die Charaktere haben mir gut gefallen, denn es ist eine bunte Mischung von Persönlichkeiten. Auf jedem liegt lange genug der Fokus, dass sich Sympathien entwickeln konnten. Finley und Theo, ein Freund seiner Schwester, haben mich von Anfang an überzeugt durch die liebevolle Art, mit der sie sich um die Menschen kümmern, die sie brauchen. Ein Mann, der seine kleine Nichte so verehrt wie Fin, kann nur sympathisch sein. Diese Verehrung für Isabell, genannt Isi, geht auch auf den Leser über. Ihre kindliche Art erscheint mir absolut authentisch, auch wenn ich das nicht mit Sicherheit beurteilen kann. Und auch der Anwalt im Rockerstil, der leidenschaftliche Bestatter und Theos Mutter sind Figuren mit einer erstaunlichen Tiefe für so wenige Seiten, sodass ausführlichere Beschreibungen absolut nicht notwendig sind.

Der einzige Kritikpunkt an der Geschichte ist für mich das schreckliche Unglück, das Finleys Leben komplett auf den Kopf stellt. Es ist ein schwerer Schicksalsschlag, der mehrere Figuren in tiefe Trauer stürzen sollte. Doch das geschieht nicht. Besonders deutlich wird das bei Finley. Als Protagonist werden dessen Gedanken und Gefühle ausführlich dargestellt, doch er trauert fast kaum. Natürlich liegt das Hauptaugenmerk der Geschichte auf Finleys Homosexualität, seinen aufkeimenden Gefühlen und den Konflikten mit der Gesellschaft, die dadurch entstehen, doch wenn ein solcher Schicksalsschlag als Anstoß für die komplette Handlung verwendet wird, dann hätte er nicht auf den ersten Seiten verloren gehen dürfen, sondern in die weitere Geschichte mit eingewoben werden müssen.

Fazit:
Die Geschichte ist kurzweilig und daher nicht komplett mitreißend, bietet aber trotzdem gute Unterhaltung. Alle Charaktere sind vielschichtig und besonders die kleine Isi wirkt rundum authentisch. Leider wird aber der Schicksalsschlag, der den Anstoß für die komplette Handlung bildet, in meinen Augen nicht tief genug ausgeführt und stellt nur den Anfang einer Geschichte dar, in der es eigentlich um etwas gänzlich anderes geht. Daher bekommt „Mein letzter Wille“ insgesamt vier Schreibfedern von mir.



Ich bedanke mich bei der Autorin Nele Betra, die mir das Buch auf Umwegen als Rezensionsexemplar überlassen hat. Vielen Dank dafür.

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