Freitag, 4. September 2015

[Rezension] Affenbruder – Kenneth Oppel



Titel: Affenbruder
Autor: Kenneth Oppel
Verlag: Beltz & Gelberg Verlag
Erscheinungsdatum: 13. Juli 2015
Einband: Hardcover
Seiten: 439
ISBN: 978-3-407812-06-3
Preis: 17,95 € [D]

Klappentext:
Weil seine Eltern Hals über Kopf umziehen, um das Schimpansenbaby Zan aufzunehmen, ist sich Ben sicher: Seine Familie ist die verrückteste der Welt!
Zan soll im Rahmen eines wissenschaftlichen Experiments die Zeichensprache erlernen. Während Zan für den Vater ein Projekt bleibt, baut Ben eine Beziehung zu dem kleinen Schimpansen auf. Er betrachtet ihn zunehmend als seinen „richtigen“ Bruder. Als das Projekt scheitert und der Vater Zan aufgibt, erlebt Ben die gnadenlosen Folgen von wissenschaftlichen Versuchen ...

Einordnung:
Das Buch ist kein Teil einer Reihe.

Rezension:
Anfangs habe ich mich mit dem Stil des Autors wirklich schwer getan. Möglicherweise liegt das auch mit daran, dass der Protagonist ein 13jähriger Junge mit allerlei pubertären Problemen ist. Ich habe jedenfalls ungefähr das erste Viertel des Buches gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. In die meisten Szenen zu Beginn konnte ich nicht wirklich eintauchen, weil alles nur kurz angerissen wird. In einem Absatz beschreibt Ben das aktuelle Geschehen, im nächsten Absatz ist es „später“, wenige Zeilen danach ist der nächste Tag und am Ende der Seite ist es schon der sechste Tag. Natürlich muss der Leser erst in die Geschichte eingeführt werden, aber so, wie Bens Erzählungen die Tage einfach nur oberflächlich anreißen, habe ich die Seiten bloß überflogen. Die Emotionen fehlen in vielen Szenen. Doch das bleibt nicht das ganze Buch über. Die Geschichte entwickelt sich wirklich gut. Bens Vater kann den Leser immer wieder zur Weißglut treiben, aber es tauchen auch sehr sympathische Charaktere auf. Außerdem entwickelt sich zwischen Ben und Zan eine wirklich berührende Beziehung, denn je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr empfindet Ben für Zan wie für einen kleinen Bruder, mit dem er spielt, den er füttert, auf den er aufpasst und den er beschützt. Und von Anfang an ist klar, dass das Projekt irgendwann enden muss.

Nichtsdestotrotz ist das Buch auch inhaltlich hinter meinen Erwartungen zurück geblieben. Es gibt beispielsweise kaum Informationen zu den Hintergründen des Experiments und den bisherigen Erkenntnissen der Forschung. In der Hinsicht hat der Autor es sich leicht gemacht und die Geschichte einfach ins Jahr 1973 verschoben, wo die Forschung zur Sprachfähigkeit von Schimpansen gerade erst angefangen hat. Prinzipiell spricht da nichts gegen, allerdings wird erst nach einigen Kapiteln nebenbei in einem Satz die Jahreszahl 1973 erwähnt, sodass die bis dahin gelesenen Seiten dann in einem ganz neuen Kontext erscheinen. Auch sonst gibt es außer einer neu erscheinenden Schallplatte von ABBA kaum Hinweise darauf, dass die Geschichte nicht in der heutigen Zeit spielt, sodass ich es immer wieder vergessen und mir mehr Informationen gewünscht habe. Es ist also eigentlich nur eine Geschichte mit einem Affenbaby, das sprechen lernen soll, ohne einen wirklichen wissenschaftlichen Hintergrund – auch wenn die wenigen erwähnten psychologischen Details korrekt sind.

Außerdem finde ich es in einem Jugendbuch sehr kritisch, dass der Autor den Lesern bei so einem kontroversen Thema von Anfang an seine eigene Meinung aufdrückt. Das Buch beginnt schon damit, wie der neugeborene Zan seiner Mutter, die mit Betäubungsgewehr ruhig gestellt wird, aus den Armen gerissen wird. So geht es dann das ganze Buch über weiter. Alle negativen Aspekt von Tierversuchen und Vermenschlichung von Tieren werden aufgezeigt und erläutert: Zan wird zum Lernen auf einem Stuhl festgeschnallt, er muss Kleidung tragen und in einem Bett schlafen, Ratten werden gezielt mit Krankheiten infiziert und dann mit Spritzen einfach getötet. Doch nirgendwo werden die positiven Aspekte der Forschung erwähnt, wie dass es zum wissenschaftlichen Fortschritt beiträgt – aber wenn es überhaupt keinerlei Nutzen gäbe, würde es ja nicht in dem Maße durchgeführt werden. Doch der Autor stellt immer nur die brutale, grausame Seite dar. Gerade in einem Jugendbuch sollten, meiner Meinung nach, aber beide Seiten beleuchtet werden, um den Leser eine eigene Entscheidung treffen zu lassen.

Fazit:
Das Buch ist in vielerlei Hinsicht hinter meinen Erwartungen zurück geblieben. Durch eine Verlagerung in das Jahr 1973 wird beispielsweise umgangen, den bisherigen Forschungsstand zum Thema darstellen zu müssen. Außerdem werden Tierversuche nicht kontrovers diskutiert, da der Autor den Lesern von der ersten Seite an seine Meinung aufdrückt. Trotzdem entwickeln sich die Geschichte und gerade die Beziehung zwischen Ben und Zan sehr schön. Insgesamt ist es jedoch nur eine nette Geschichte über ein Affenbaby, das sprechen lernen soll. Daher bekommt „Affenbruder“ auch nur drei Schreibfedern von mir.


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