Samstag, 24. Oktober 2015

[Rezension] Young World: Die Clans von New York – Chris Weitz



Titel: Young World – Die Clans von New York
Autor: Chris Weitz
Verlag: dtv
Erscheinungsdatum: 22. September 2015
Einband: Hardcover
Seiten: 382
ISBN: 978-3-423761-21-5
Preis: 18,95 € [D]

Klappentext:
Eine mysteriöse Krankheit hat alle Erwachsenen ausgelöscht. Übrig bleibt eine Welt, in der sich die überlebenden Jugendlichen gegeneinander behaupten müssen.
Jefferson, Führer wider Willen des Washington Square Clans, und Donna, in die er heimlich verliebt ist, haben sich ein halbwegs geordnetes Leben in all dem Chaos aufgebaut. Doch als Brainbox, das Genie ihres Clans, eine Spur entdeckt, die zur Heilung der Krankheit führen könnte, machen sich fünf von ihnen auf in die gefährliche Welt jenseits ihres Rückzugsortes – Schießereien mit feindlichen Gangs und Überleben in den Gefahren der U-Bahn-Schächte inklusive. Denn trotz aller Aussichtslosigkeit glaubt Jeff an die Rettung der Menschheit.

Einordnung:
- Die Clans von New York (Teil 1)
- Nach dem Ende (Teil 2)
- vermutlich wird es noch weitere Teile geben

Rezension:
Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich sehr skeptisch an das Buch herangegangen. Meine Befürchtung war, dass der Autor sich keine gute Begründung ausgedacht hat, weshalb ausgerechnet und ausschließlich die Jugendlichen noch leben. Nachdem ich das Buch gelesen habe, muss ich gestehen, dass das so ziemlich das einzige ist, das mir an dieser Geschichte gefallen hat. Der Autor hat sich viel künstlerische Freiheit herausgenommen, nichtsdestotrotz wirkt die Erklärung für das Überleben der Jugendlichen realistisch. Ich bin zwar nicht ganz sicher, weshalb Mädchen nicht mehr schwanger werden können, aber da die Krankheit auch alle kleinen Kinder getötet hat, würden die Säuglinge ohnehin direkt nach der Geburt sterben. Damit wird deutlich, dass die Welt nicht bloß nur noch von Jugendlichen bevölkert ist, sondern dass die gesamte Menschheit vor dem Aussterben steht. Und das eher früher als später, denn wenn die Jugendlichen einen gewissen Grad an körperlicher Reife erreichen, werden auch sie von der Seuche getötet.

Damit hat der Autor ein wirklich gruseliges Setting geschaffen. Die Überlebenden haben sich in Clans zusammengefunden, die versuchen, so lange wie möglich durchzuhalten. Aber die Lebensmittel werden immer knapper und die provisorisch angelegten Felder bringen kaum Ertrag, sodass eine andere Lösung gefunden werden muss. Da jeder Clan kaum für sein eigenes Überleben sorgen kann, begegnen sie einander natürlich nicht besonders freundlich, sodass es immer wieder zu brutalen Auseinandersetzungen und Schießereien kommt. In einer Welt, in der die einzigen Möglichkeiten „fressen oder gefressen werden“ sind, und das im wahrsten Sinne des Wortes, klingt das alles sehr realistisch.
Aber natürlich beschäftigen sich nicht alle nur mit der neuen Weltordnung, sondern kleben auch an der Vergangenheit. Ganz besonders fällt das auf durch die zahlreichen Erwähnungen von sozialen Medien. Die Charaktere tragen noch immer ihre iPhones mit sich herum, obwohl es weder Netzanbieter noch Internet gibt. Zimmerwände sind zu analogen Facebookseiten umgestaltet worden, an denen Schilder mit dem aktuellen Status hängen. Da sie alle aus unserer digitalisierten Welt stammen, ist es nur natürlich, dass sie sich verzweifelt an die Dinge klammern, die sie kennen. Vor allem, nachdem sie gemerkt haben, dass sie ohne Google im Grunde ziemlich wenig wissen.

In dieser Welt leben die beiden Protagonisten Jefferson und Donna, die abwechselnd aus der Ich-Perspektive die Geschehnisse schildern. Dem Autor ist es dabei sehr gut gelungen, die beiden Perspektiven auseinander zu halten. Jefferson, der in seinem Clan der Geschichtenerzähler ist, erklärt die Gegebenheiten ruhig, in vollständigen Sätzen und mit einer literarisch halbwegs wertvollen Wortwahl. Dem steht Donnas ungestüme, ruppige und ziemlich pubertäre Erzählweise entgegen. Sie erzählt selten in ganzen Sätzen. Besonders Dialoge werden in Drehbuchform geschildert (zum Beispiel: „Jefferson (zornig): ‚Das kann doch nicht wahr sein.‘“).
Dadurch lassen sich die Perspektiven sehr gut auseinanderhalten. Allerdings ist das auch nur formal ein Pluspunkt des Buches, denn gerade die Kapitel, die aus Donnas Perspektive erzählt sind, gingen mir schnell enorm auf die Nerven. Sie erzählt wie ein Mädchen in der schlimmsten Phase der Pubertät und mit mehr Kraftausdrücken und vulgären Worten als ich zählen konnte. Die Szenen lesen sich nicht wie ein ausgearbeiteter Text, sondern wie eine wortwörtliche Abschrift eines Gespräches, in dem in jedem zweiten Satz die Wörter „Tussi“, „Titte“, „Muschi“ oder „Scheiße“ vorkommen. Das ist wirklich richtig anstrengend zu lesen und macht Donna extrem unsympathisch.

Ironischerweise ist dieses Missfallen bis zu einem gewissen Grad aber auch wieder ein Pluspunkt, denn so habe ich wenigstens einer einzigen Figur gegenüber irgendein Gefühl entwickelt. Bei den übrigens Charakteren ist das leider gar nicht der Fall. So gut die Grundidee auch ist, dieses Buch hat keinerlei emotionale Tiefe und überhaupt keine Atmosphäre. Die Geschichte ließe sich vermutlich gut als actionreicher Kinofilm verkaufen, aber im Buch habe ich mehr und mehr den Eindruck gewonnen, dass der Autor vergessen hat, dass hier Worte die Gefühle und die Atmosphäre transportieren müssen, statt Musik und Bilder. Es ist nicht einmal so, dass ich eine Abneigung gegenüber den Figuren oder den Geschehnissen entwickelt hat, es war mir schlichtweg alles gleichgültig. Verletzungen, Todesfälle, Kannibalismus, Folter – nichts davon ist so eindrücklich beschrieben, dass es irgendeine Emotion hervorrufen würde. Das mag auch mit daran liegen, dass das alles unglaublich schnell abgehandelt wird. Zwei Seiten nach einem Todesfall trauert niemand mehr um die Person und ausgekugelte Arme oder gerissene Sehnen sind nicht einmal eine zweite Erwähnung wert. Das Buch hat einfach zu wenig Substanz, um irgendwie zu berühren oder auch nur den Hauch einer Atmosphäre herzustellen.

Das ist nicht nur in Bezug auf die Charaktere so, sondern auch mit Hinblick auf die gesamte Handlung, von der es nicht besonders viel gibt in diesem Buch. Die gesamte Geschichte besteht aus dem Weg zu einer Forschungseinrichtung, in der Brainbox, ein Mitglied des Clans, dem auch Jefferson und Donna angehören, den Ursprung der Seuche vermutet, die alle Erwachsenen getötet hat. Aber der Weg dorthin ist nicht besonders spannend, weil die einzelnen Abschnitte immer nach dem gleichen Muster aufgebaut sind. Zunächst legt die Gruppe eine kurze Strecke zurück, die vom Autor in wenigen oberflächlichen Sätzen zusammengefasst wird. Dann geraten sie plötzlich in einen Kampf, in dem alle wild um sich schießen, obwohl sie wissen, wie knapp die Munition ist. Nachdem die Charaktere dann entkommen sind und wieder ein kleines Stück Weg zurückgelegt haben, werden sie erneu angegriffen und schießen, stechen, schlagen etc. um sich. Anschließend machen sie sich erneut auf den Weg. Da Verletzungen oder Todesfälle, wie oben erwähnt, nur ganz kurz angesprochen werden, hetzt der Leser somit von einer Schießerei in die nächste. Grundsätzlich finde ich die viele Gewalt angemessen, da die Geschichte in einem postapokalyptischen New York spielt und alle um ihr Leben kämpfen, aber im Vergleich zur übrigen Handlung ist es viel zu viel, weil sonst einfach nichts anderes geschieht.

Die einzige andere Handlung ist eine vollkommen unnötige Liebesgeschichte. Sie beginnt mit einem total aus der Luft gegriffen und deplatzierten Liebesgeständnis. Dann wird durch eine fürchterliche Dreiecksgeschichte künstlich noch mehr Drama aufgebaut, das mit einem plötzlichen, völlig unbegründeten Sinneswandel endet. Dabei hatte ich während der gesamten Geschichte überhaupt nicht ein einziges Mal den Eindruck, dass irgendeine Figur so etwas wie Gefühle überhaupt besitzt, ganz zu schweigen von Gefühlen für eine andere Figur. Diese unpassende Liebesgeschichte bietet zwar die einzige Abwechslung zu den ständigen Schießereien, aber so oberflächlich und lieblos, wie sie geschildert ist, hätte der Autor sie besser weglassen können.

Auch das Ende konnte mich dann leider kein bisschen mit der Geschichte versöhnen, im Gegenteil. Dort stellt der Autor plötzlich alles auf den Kopf, was die Geschichte bisher ausgezeichnet hat, und zerstört sein eigenes Setting. Hinzu kommt, dass die Handlung dort immer unrealistischer wird. Das gilt besonders für Brainbox, von dem im Laufe des Buches deutlich wird, dass er alles weiß und alles kann, vom Zusammenbasteln von elektronischen Geräten bis zur improvisierten Herstellung von Heizkörpern als Müll. Am Ende stellt sich zu allem Überfluss auch noch heraus, dass er problemlos die Arbeit eines hochqualifizierter Virologen übernehmen kann. Das war wirklich der Gipfel der Unglaubwürdigkeit.

Fazit:
Der Hintergrund der Geschichte sowie das Setting sind dem Autor gut gelungen. Auch lässt sich problemlos zwischen den beiden Erzählern unterscheiden. Allerdings ist Donnas Perspektive extrem anstrengend zu lesen, wodurch sie unsympathisch wird. Gegenüber allen anderen Charakteren konnte ich keinerlei Gefühle entwickeln, weil dem Buch die emotionale Tiefe und die Atmosphäre vollkommen fehlen. Die Charaktere stolpern von einer Schießerei in die nächste, ohne dass irgendetwas anderes passiert und ohne dass Geschehnisse von vor zwei Seiten noch eine Bedeutung haben. Lieblos dazwischen geschoben ist eine oberflächliche und deplatzierte Liebesgeschichte. Am Ende wird das Buch dann auch noch vollkommen absurd und der Autor zerstört sein eigenes Setting, sodass ich „Young World – Die Clans von New York“ nur zwei Schreibfedern geben kann.



Ich bedanke mich bei lovelybooks und dem dtv Verlag für das Rezensionsexemplar.

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