Montag, 26. Januar 2015

[Rezension] Drahtseiltänzer – S. B. Sasori



Titel: Drahtseiltänzer
Autor: S. B. Sasori
Verlag: Self-Publishing
Erscheinungsdatum: 07. Januar 2015
Einband: Softcover
Seiten: 309
ISBN: 978-1-505451-74-0
Preis: 9,99 € [D]

Klappentext:
Ein Tanz auf dem Drahtseil, ein Deal, der zum Verrat zwingt und eine Nacht am Strand, getaucht in Geborgenheit und Nähe. Doch die Sonne geht auf und der neue Tag schlingt vertraute Fesseln um Ciros Leben.
Ein toter Bruder, ein missratenes Outing und eine Spontanreise in die Toskana. Noah braucht Abstand zu sich und seinen Eltern. Nicht zu dem Italiener mit dem verträumten Blick und den braungebrannten Füßen in sandigen Flip-Flops.

Einordnung:
Das Buch ist kein Teil einer Reihe, beruht jedoch auf einer Kurzgeschichte aus der Anthologie „Yep – Warum nicht anders?“.

Rezension:
Nachdem ich Noah und Ciro bei der Leserunde zur Anthologie „Yep – Warum nicht anders?“ kennen gelernt habe, musste ich mir den Roman mit ihrer Geschichte natürlich auch direkt zulegen. Meine Erwartungen waren dementsprechend hoch, als ich das Buch aufgeschlagen habe. Jetzt kann ich sagen, dass sie sich allesamt restlos erfüllt haben. Diese Geschichte ist von vorne bis hinten ein Traum.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd von Noah (17), einem Schüler aus Berlin, und Ciro (19), einem italienischen Drahtseiltänzer, jeweils aus der Ich-Perspektive. Die beiden Sichtweisen ergänzen sich gut und da sie einander fortsetzen und nicht überschneiden, wird die Geschichte auch nicht ausgebremst. Zugleich baut der Perspektivenwechsel Spannung auf, denn der Leser ist damit schon sehr früh in ein großes Geheimnis eingeweiht, das Ciro mit sich herumträgt, und kann daher auf jeder Seite bangen, wann Noah es herausfindet und wie er darauf reagieren wird.

Spannung ist jedoch bei weitem nicht alles, was das Buch zu bieten hat. Die gesamte Geschichte ist emotional wirklich mitreißend geschrieben. Es hat mich schon zu Beginn gepackt und einfach nicht mehr los gelassen. Mit Noah habe ich Ciro angehimmelt, bittere Tränen geweint und seinen Schmerz geteilt, ihn plötzlich nicht mehr finden zu können. Und ich habe mit Ciro unter den Demütigungen seines Bruders gelitten und in Noahs Nähe Herzrasen gehabt. Das Buch nimmt mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, die ich so schon lange nicht mehr erlebt habe. Selbst jetzt, nach einer Woche, bekomme ich noch Herzrasen, wenn ich an die Geborgenheit in Noahs Arme denke, und einen Kloß im Hals, wenn ich mich an Ciros Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit erinnere. Es ist vollkommen gleich, ob es sich um eine positive oder eine negative Emotion handelt, die Autorin hat Worte gefunden, um beide von den Figuren auf den Leser zu übertragen.

Trotz der vielen packenden Emotionen bewegt sich die Geschichte aber immer in einem realistischen Rahmen und steckt ihre Hoch- und Tiefpunkte so, dass sie nicht ins Extreme abrutschen. Gerade das macht das Buch so lebendig und vermittelt das Gefühl, es könnte alles wirklich so passieren, weil weder Noah noch Ciro sofort sein komplettes Leben für den anderen über den Haufen wirft, es auf der anderen Seite aber auch keine übertrieben tragischen Dramen gibt, die die meisten Menschen in ihrem Leben definitiv niemals werden durchmachen müssen. Die Handlung bewegt sich in angemessener Weise zwischen positivem und negativem Extrem und ist gerade deshalb durchweg absolut mitreißend.

Für mich ist dieser Roman, nachdem ich bereits die Kurzgeschichte gelesen habe, auch besonders deshalb gelungen, weil diese in die erste Hälfte des Buches eingebaut ist. Immer wieder finden sich wortwörtliche Zitate und Szenen werden erneut wiedergegeben, aber an den richtigen Stellen folgen weitere Ausführungen. Die Handlung wird mit weiteren Details ausgeschmückt und vervollständigt, um Zusammenhänge und zeitliche Relationen noch besser zu erklären. Die zweite Hälfte des Buches widmet sich außerdem der Weiterführung des offenen Endes, sodass der Leser diesmal nicht in der Luft hängen bleibt und einen runden Abschluss vorfindet. Selbst für diese letzte Szene hat die Autorin noch genau den richtigen Moment  abgepasst, um alle Handlungsstränge abgeschlossen zu haben, aber gleichzeitig nicht so weit in die Zukunft zu blicken, dass eine Fortsetzung nötig wäre – obwohl ich mich darüber bestimmt nicht beschweren würde.

Fazit:
Dieses Buch hat mich von vorne bis hinten überzeugt. Noah und Ciro sind sehr tiefe, lebendige Charaktere, deren Gefühle sich auf den Leser übertragen. Ihre Geschichte ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die mir auch jetzt noch Herzklopfen beschert. Trotzdem bewegt sich die Handlung immer im realistischen Normalbereich und das ist auch gut so, denn übertriebene Extreme hat das Buch wahrlich nicht nötig. „Drahtseiltänzer“ ist definitiv eines meiner Lieblingsbücher und bekommt dafür alle fünf Schreibfedern.


Sonntag, 25. Januar 2015

[Rezension] Great Apes – James Lu Dunbar



Titel: Great Apes!
Autor: James Lu Dunbar
Verlag: Self-Publishing
Erscheinungsdatum: 28. Februar 2014
Einband: eBook
Seiten: 38
ISBN: 978-1-482374-48-3
Preis: -

Klappentext (freie Übersetzung aus dem Englischen):
 „Great Apes!“ ist ein wissenschaftlich korrekter, aus Reimen bestehender Comic, der die Entstehung der menschlichen Rasse und den Beginn der Zivilisation beschreibt.

Einordnung:
- Bang! (Teil 1)
- It’s Alive! (Teil 2)
- Great Apes! (Teil 3)

Rezension:
Dieser dritte Teil schildert die Entstehung des Lebens auf der Erde und widmet sich dabei nach der Beschreibung der Anfänge hauptsächlich den Menschen. Diese Inhalte werden größtenteils auch im Schulunterricht gelehrt und sind daher noch greifbarer als die Theorien aus dem letzten Band. Viele der Abbildungen sind älteren Lesern vermutlich bereits bekannt, aber gerade das zeugt auch wieder von der Wissenschaftlichkeit dieses letzten Comics. Zwei Beispiele dafür sind die sehr detaillierte Darstellung der Entstehung des Auges und das Schema zur Entstehungsgeschichte des aufrechten Ganges.

Besonders positiv aufgefallen ist mir die Darstellung menschlicher Gemeinschaften. Bis zu diesem Zeitpunkt dienten der Mann und die Frau immer nur zur Illustration der Geschehnisse, ohne dass es tatsächlich menschliches Leben auf der Erde gegeben hätte. Nun, wo das der Fall ist, hat der Autor sehr genau darauf geachtet, dass immer beide Geschlechter und alle verschiedenen Rassen vertreten sind. So gibt es, um nur ein Beispiel zu nennen, einen dunkelhäutigen Schmied. Dadurch stehen alle Menschen gleichberechtigt nebeneinander.

Als Abschluss hat der Autor die Feststellung gewählt, dass unser Wissen durch die vielen neu entwickelten Methoden in den letzten Jahren exponentiell angestiegen ist, dass wir aber trotzdem noch lange nicht alles wissen und es daher wichtig ist, weiter Fragen zu stellen. Der Hinweis ist richtig und vor allem wichtig nach einem Buch, das so voller wissenschaftlicher Erkenntnisse steckt, dass es gerade auf jüngere Leser vielleicht den Eindruck macht als wüssten die Wissenschaftler bereits alles.

Fazit:
Auch der Abschluss der Reihe ist gut gelungen mit sehr greifbaren und detaillierten Inhalten, antirassistischen Darstellungen und einem runden Ende. „Great Apes!“ bekommt fünf Schreibfedern.


Samstag, 24. Januar 2015

[Rezension] It’s Alive – James Lu Dunbar



Titel: It’s Alive!
Autor: James Lu Dunbar
Verlag: Self-Publishing
Erscheinungsdatum: 04. März 2011
Einband: eBook
Seiten: 44
ISBN: 978-1-460916-10-0
Preis: -

Klappentext (freie Übersetzung aus dem Englischen):
„It’s Alive!“ erläutert die wissenschaftlichen Theorien über den Ursprung des Lebens auf der Erde mit fesselnden Grafiken und skurrilen Reimen. Von der Entstehung unseres Sonnensystems bis zur Geburt von Bakterien. Du wirst etwas über die Bedingungen lernen, die Leben geschaffen haben könnten, über die Natur der organischen Existenz und die Schönheit der Evolution.

Einordnung:
- Bang! (Teil 1)
- It’s Alive! (Teil 2)
- Great Apes! (Teil 3)

Rezension:
Nachdem der erste Band der Comic-Reihe noch in schwarz-weiß gezeichnet war, erhalten jetzt nach und nach Farben den Einzug. Je mehr sich der Fokus der Geschichte vom Universum und dem Sonnensystem hin zur Erde verschiebt, desto bunter werden die Illustrationen. Es ist sehr passend, dass der letzte Grauton auf dem Bild verschwindet, das die Erde erstmals zeigt.

Genau wie im letzten Band ist dagegen die wissenschaftliche Fundierung. Gesicherte Erkenntnisse werden mit Fachbegriffen und anschaulichen Illustrationen dargestellt, während bloße Theorien als solche gekennzeichnet und mit dem Hinweis versehen sind, dass diese Dinge möglicherweise immer unklar bleiben werden. Auch hier hat der Autor wieder einen guten Mittelweg gefunden zwischen vereinfachten Abbildungen und wissenschaftlich korrekten Schemata. Beispielsweise wird die natürliche Selektion in Form eines gefährlichen Hindernislaufs dargestellt, den jede Lebensform durchlaufen muss und an dem offensichtlich viele Lebewesen scheitern. Im Gegensatz dazu wird einige Seiten weiter die DNA-Replikation so wissenschaftlich dargestellt, wie sie auch in Lehrbüchern zu finden ist. Diese Illustration hat mir neben der der Proteinbiosynthese besonders gut gefallen, weil sie die Grundzüge komplizierter Sachverhalte einfach verständlich aufs Papier bringen.

Fazit:
Auch der zweite Teil der Universe Verse Reihe ist sehr gelungen. Mit den Theorien zur Entstehung des Lebens auf der Erde sind die Inhalte jetzt ein wenig greifbarer. Für die sehr gute, wissenschaftliche Umsetzung bekommt „It’s Alive!“ alle fünf Schreibfedern.

Freitag, 23. Januar 2015

[Rezension] Bang – James Lu Dunbar



Titel: Bang!
Autor: James Lu Dunbar
Verlag: Self-Publishing
Erscheinungsdatum: 01. November 2009
Einband: eBook
Seiten: 49
ISBN: 978-1-449587-66-6
Preis: -

Klappentext (freie Übersetzung aus dem Englischen):
 „Bang!“ erklärt die wissenschaftlichen Theorien über den Ursprung des Universums mit fesselnden Illustrationen und skurrilen Reimen. Vom Beginn der Existenz bis zur Geburt von Sternen und Galaxien. Du wirst lernen, wie Materie entstanden ist, warum Sterne leuchten und wo schwarze Löcher herkommen. Dieses Buch ist für alle Altersgruppen gedacht. Mach dir keine Sorgen, wenn du nicht alles verstehst, das tut niemand. Aus diesem Grund habe ich es in Reimen geschrieben und jede Menge Bilder hinzugefügt. Warnung: Dieses Buch enthält graphische Darstellungen der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die zu verringerter Unwissenheit und gesteigerter Empfindung von Ehrfurcht und Staunen führen können.

Einordnung:
- Bang! (Teil 1)
- It’s Alive! (Teil 2)
- Great Apes! (Teil 3)

Rezension:
Obwohl es sich hauptsächlich um ein Kinderbuch handelt, ist der gesamte Inhalt wissenschaftlich fundiert. Der Autor gibt die Theorie von der Entstehung der ersten Materie wieder, erklärt den Aufbau eines Wasserstoff-Atoms und fasst Einsteins E=mc² in Worte. Das alles erläutert er mit den wissenschaftlich korrekten Ausdrücken, schmückt es aber mit allgemein verständlichen Formulierungen aus. Der Comic ist so keinesfalls überlaufen mit Fachbegriffen, spart sie aber auch nicht vollständig aus.

Gleiches gilt für die Illustrationen. Wenn erforderlich, gibt es beispielsweise Darstellungen des Periodensystems der Elemente oder schematische Zeichnungen verschiedener Atome. Doch die meiste Zeit sind die Bilder einfach wörtliche Interpretationen des Textes. Der Autor hat sich einen älteren Herrn und eine ältere Dame ausgedacht, die den Leser durch die Geschichte führen und die Wissenschaft verbildlichen. So wird im Text von der Abkühlung des Universums gesprochen, während der Mann in der Abbildung in dicke Wintersachen gepackt ist und trotzdem friert. Bei Zeitangaben schaut manchmal die Frau auf eine Taschenuhr. Und bei der Erläuterung, dass sich beim Wasserstoff-Atom ein Proton in der Mitte befindet und ein Elektron sich außen herum bewegt, stellt die meditierende Frau das Proton dar, während der Mann als Elektron seine Kreise rennt.

Eine weitere Besonderheit des Buches ist, dass der gesamte Text in Reimen verfasst ist. Es wird jedoch nie anstrengend zu lesen, da sich immer nur wenige Verse auf jeder Seite befinden. Gleichzeitig sind die Reime für mich aber auch die einzige Schwachstelle, denn die Anzahl der sich reimenden Verse variiert unsystematisch. Manchmal sind es vier Verse, manchmal nur zwei, aber hin und wieder eben auch drei oder fünf. Dadurch entsteht das Problem, dass ich hin und wieder mit der falschen Betonung gelesen habe, weil ich dachte, dass noch ein Vers mit demselben Reim folgt oder dass der vorherige bereits der letzte war. Das war besonders auffällig, weil ich die Geschichte generell laut lesen musste, um bei den vielen Versen, die teilweise in einzelne Wörter zerstückelt zwischen den Bildern eingebettet sind, nicht den Faden zu verlieren. Letzteres hat mich nicht gestört, Gedichte klingen laut vorgetragen immer besser als nur auf dem Papier, aber wegen der wechselnden Zahl sich reimender Verse musste ich tatsächlich die eine oder andere Seite mehrfach lesen.

Fazit:
Die sehr originelle Idee, einen wissenschaftlichen, sich reimenden Comic zu verfassen, ist dem Autor gut gelungen. Er verwendet Fachbegriffe, wo es nötig ist, übertreibt es aber nicht und illustriert die Worte außerdem mit leicht verständlichen Bildern. Nichtsdestotrotz lassen sich auch wissenschaftlich korrekte Darstellungen verschiedener Sachverhalte finden. Der einzige Makel an diesem Buch ist die Tatsache, dass die Anzahl der sich reimenden Verse häufig wechselt, sodass ich immer wieder mit falscher Betonung gelesen habe und daher an einer früheren Stelle noch einmal neu ansetzen musste. Daher bekommt „Bang!“ insgesamt vier Schreibfedern von mir.


Donnerstag, 22. Januar 2015

[Rezension] 3096 Tage – Natascha Kampusch



Titel: 3096 Tage
Autor: Natascha Kampusch
Verlag: Ullstein Taschenbuch
Erscheinungsdatum: 13. Januar 2012
Einband: Softcover
Seiten: 288
ISBN: 978-3-548374-26-0
Preis: 9,99 € [D]

Klappentext:
Natascha Kampusch erlitt das schrecklichste Schicksal, das einem Kind zustoßen kann: Am 2. März 1998 wurde sie im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg entführt. Ihr Peiniger, der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil, hielt sie in einem Kellerverlies gefangen - 3096 Tage lang. Am 23. August 2006 gelang ihr aus eigener Kraft die Flucht. Priklopil nahm sich noch am selben Tag das Leben.

Einordnung:
Das Buch ist kein Teil einer Reihe.

Rezension:
Natascha Kampusch war achteinhalb Jahre lang entführt. Sie berichtet (bzw. lässt berichten, das Buch ist zwar in der Ich-Form, aber von / mit zwei Ghostwriterinnen geschrieben) jedoch nicht nur von dieser Zeit, sondern auch von den Jahren vor ihrer Entführung und von einigen wenigen Augenblicken nach ihrer Befreiung. Im Prinzip ist die Idee gut, so erfährt der Leser, aus welchem Leben sie gerissen wurde, allerdings fehlen in dem Buch häufig die Anmerkungen, wie alt Natascha gerade ist. Besonders zu Beginn werden die Erlebnisse nicht chronologisch erzählt, sondern so, wie sie gerade hintereinander passen. Dadurch wusste ich nie, ob sie in einer Szene drei, fünf oder zehn Jahre alt war und wie ich die entsprechenden Geschehnisse bewerten soll.

Der Großteil des Buches widmet sich jedoch der tatsächlichen Gefangenschaft, bei der ungefähr abzuschätzen ist, wie alt Natascha gerade sein müsste. Sie berichtet von ihrer 5m²-Zelle im Keller, die hinter mehreren Türen, Löchern und Wänden versteckt ist, und von den Verletzungen, die der Entführer ihr zugefügt hat, wenn er zornig war. Das ständige Klappern des Ventilators wird ebenso geschildert wie die Kontrolle des Entführers über ihr gesamtes Leben einschließlich der Tages- und Nachtzeiten, der Informationszufuhr von der Außenwelt und der Menge an Nahrung, die sie zu sich nehmen durfte.
Die Gesamtheit der Schilderungen ist so extrem, dass es klingt wie übertriebene Fiktion und es mir unmöglich macht, mich in die Situation hinein zu fühlen. Es heißt, Natascha Kampusch habe das Buch geschrieben, um die Geschehnisse zu verarbeiten, aber das hätte sie auch ohne Veröffentlichung tun können. Es ist ein nackter Tatsachenbericht, der gegenüber den Berichten in den Medien keinerlei neue Informationen enthält. So sehr ich mich auch bemüht habe, betroffen zu sein, die Geschichte fühlte sich nicht echt an und konnte mich emotional nicht erreichen.

Möglicherweise liegt das auch daran, dass es keine emotionalen Berichte der Erlebnisse gibt. Natascha Kampusch erzählt nicht von den Gefühlen, die sie während der Zeit hatte, sondern gibt bloß die Tatsachen wieder. Selbst dann, wenn sie tatsächlich selbst zu Wort kommt, weil ihre Tagebücher abgedruckt sind, ist es eine vollkommen sachliche Auflistung ihrer aktuellen Verletzungen mit den jeweiligen Ursachen. Nüchtern berichtet sie von ihren Tagesabläufen und den wenigen Veränderungen in ihrem Leben und das manchmal sogar mit wörtlichen Wiederholungen ganzer Absätze, die bereits viele Seiten zuvor abgedruckt waren.

Doch nicht nur durch die Wiederholungen und die mangelnde Emotionalität ist das Buch sehr langatmig. Es scheint sich auch im Kreis zu drehen, denn wann immer sie von anderen Personen als sich oder dem Täter berichtet, ist sie unzufrieden. Ihr Vater wird als unfähig beschrieben, ihre Mutter als lieblos, die Kindergärtnerinnen als bösartig, die Gesellschaft als verlogen, die Polizei als heuchlerisch. Die einzige Person, für die sie ein wenig Verständnis aufbringen kann, ist der Entführer.
Auch sonst dreht sich die Geschichte häufig um Nataschas Gedanken und Handlungspläne, über die ich immer wieder die Stirn runzeln musste. Obwohl sie bei der Entführung erst zehn Jahre alt ist, kann sie schon sehr genau reflektieren, welche Befehle des Täters sie verweigern muss, um ihre geistige Freiheit zu behalten und ihn gleichzeitig in seine Schranken zu weisen. Überhaupt spielt sich die meiste Auseinandersetzung der beiden in ihren Köpfen ab, da sie als junges Mädchen, das zunächst pummelig und später magersüchtig ist, dem Täter körperlich nichts entgegen zu setzen hat. Während die vermutete psychische Störung des Entführers seine Handlungen zu erklären vermag, spielt das kleine Kind bereits mit zehn Jahren ein wirklich abgekartetes Psychospiel. Laut der Schilderungen in dem Buch weiß sie ganz genau, wie sie ihre eigene Persönlichkeit behalten, dem Täter Gehorsamkeit vorspielen und ihn gleichzeitig in die von ihr gewünschte Richtung manipulieren kann. Ich bin mir bis jetzt noch nicht im Klaren darüber, ob sie das unbewusst als Überlebensstrategie angewandt hat und erst jetzt im Nachhinein darüber reflektiert oder ob sie maßlos übertreibt.

Fazit:
Ich tue mich schwer damit, ein Buch zu bewerten, in dem eine wahre Begebenheit geschildert wird, die ich nicht selbst erlebt habe. Trotzdem möchte ich sagen, dass mich einige Schilderungen skeptisch zurücklassen. Zudem beinhaltet das Buch nur Tatsachenberichte und keine emotionalen Ergänzungen, sodass ich mich nicht in die Situationen hineinversetzen konnte und die Geschichte mich auch nicht wirklich berühren konnte. Ohne darüber urteilen zu wollen, wie viel Wahrheit und wie viel Lüge in diesem Buch steckt und ob die Vermarktung der Geschichte wirklich nötig ist, kann ich „3096 Tage“ wegen des langatmigen Aufbaus, der vielen Wiederholungen und der mangelnden Emotionalität nur zwei Schreibfedern geben.


Mittwoch, 21. Januar 2015

Neuzugänge #38

Dank der Radikalkur, die ich meinem SuB verpasst habe, sollte es dieses Jahr weniger Neuzugänge von mir geben. Allerdings wollte ich "Drahtseiltänzer" so unbedingt lesen, dass ich mich bereits jetzt durch so viele Bücher gefressen habe, dass ich genug Geld dafür zusammen gelesen habe (wie ein Blick auf meine Spardose zeigt). Außerdem kam dann noch eine Rezensionsanfrage in mein Postfach geflattert, sodass ich bereits jetzt wieder zwei Neuzugänge zu verzeichnen habe.

"Drahtseiltänzer" von S.B. Sasori und "Westside Blvd. - Entführung in L. A." von Torsten Hoppe sind neu auf meinem SuB gelandet.


Klappentext "Drahtseiltänzer":
Ein Tanz auf dem Drahtseil. Ein Held, der nur in Ciros Fantasie existiert. Ein Deal, der zum Verrat zwingt und eine Nacht am Strand, getaucht in Geborgenheit und Nähe. Doch die Sonne geht auf und der neue Tag schlingt vertraute Fesseln um Ciros Leben.
Ein toter Bruder. Ein missratenes Outing und eine Spontanreise in die Toskana. Noah braucht Abstand zu sich und seinen Eltern - nicht zu dem Italiener mit dem verträumten Blick und den braungebrannten Füßen in sandigen Flip-Flops.


Klappentext "Westside Blvd. - Entführung in L. A.":
Die junge Schauspielerin Heather Simms wird in L.A. auf dem Weg nach Hause entführt. Während die Polizei verzweifelt versucht, Hinweise oder Spuren zu finden, verfolgt der Entführer seine ganz eigenen, ungewöhnlichen Pläne. Unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit stellt er Forderungen, doch Lieutenant Steve Delaney vom LAPD muss schnell feststellen, dass dieser Fall nach keinem gängigen Schema abläuft. Während die Polizei im Zuge der Ermittlungen zu unkonventionellen Mitteln greifen muss, spürt auch Heather bereits sehr bald, dass sie in den Händen eines unberechenbaren Psychopathen gelandet ist. Sie sieht sich gezwungen, einen gefährlichen Kampf um ihr Leben zu führen. Einen Kampf, für den ihr niemand ein fertig geschriebenes Drehbuch reichen kann und dessen Regeln sie erst erlernen muss...


Die Kurzgeschichte zu "Drahtseiltänzer" habe ich bereits gelesen und konnte es kaum abwarten, dass die Autorin den Roman beendet. Jetzt ist er endlich erhältlich und meine Challenge erlaubt es mir, das Buch zu kaufen. Ich bin unglaublich gespannt auf die gesamte Geschichte und hoffe, dass sie genauso sanft und emotional ist wie die Kurzgeschichte. Der Thriller steht in ziemlich krassem Gegensatz dazu, aber der Klappentext verheißt auch hier ordentlich Spannung. Vermutlich werde ich beide Bücher geradezu verschlingen.

Was ist euer Lieblingsgenre?
Welchem Buch habt ihr zuletzt so richtig entgegen gefiebert?

Dienstag, 20. Januar 2015

[Rezension] Seelen – Stephenie Meyer



Titel: Seelen
Autor: Stephenie Meyer
Verlag: Carlsen Verlag
Erscheinungsdatum: 26. Mai 2011
Einband: Softcover
Seiten: 912
ISBN: 978-3-551310-36-1
Preis: 9,99 € [D]

Klappentext:
Planet Erde, irgendwann in der Zukunft. Fast die gesamte Menschheit ist von sogenannten Seelen besetzt. Diese nisten sich in die menschlichen Körper ein und übernehmen sie vollständig - nur wenige Menschen leisten noch Widerstand und überleben in den Bergen, Wüsten und Wäldern. Eine von ihnen ist Melanie. Als sie schließlich doch gefasst wird, wehrt sie sich mit aller Kraft dagegen, aus ihrem Körper verdrängt zu werden und teilt ihn fortan notgedrungen mit der Seele Wanda. Verzweifelt kämpft sie darum, ihren Geliebten Jared wiederzufinden, der sich mit anderen Rebellen in der Wüste versteckt hält - und im Bann von Melanies leidenschaftlichen Gefühlen und Erinnerungen sehnt sich auch Wanda mehr und mehr nach Jared, den sie nie getroffen hat ...

Einordnung:
Das Buch ist kein Teil einer Reihe.

Rezension:
Nach der Bis(s)-Reihe bin ich skeptisch an dieses Buch herangegangen, weil mir Stephenie Meyers Stil dort überhaupt nicht zugesagt hat. Aber „Seelen“ hat mich rundum positiv überrascht. Der Schreibstil ist flüssig und lässt sich so leicht lesen, dass es einfach ist, durch die Seiten zu fliegen. An den richtigen Stellen sind die Szenen gestreckt oder gekürzt, sodass die Geschichte nie langatmig wird, aber auch nicht hetzt. Und auch die Beschreibungen der Landschaft, Gedanken und Gefühle sind realistisch und nur dann durch die rosarote Blümchenbrille, wenn es der Gemütszustand der Protagonistin das erfordert.

Aber auch inhaltlich hat das Buch viel zu bieten. Es beginnt mit den Charakteren, die glaubwürdig ausgearbeitet sind. Melanie ist eine Widerstandskämpferin, die die Seelen hasst und sich vor ihnen versteckt. Sie hat einen starken Willen und vertritt ihre Sachen entschlossen genug, um den Tod der Ergreifung durch die Seelen vorzuziehen. Doch der Plan misslingt und die sanfte Seele Wanderer, später Wanda genannt, wird in ihren Körper verpflanzt. Doch Melanie ist stark und will sich nicht einfach geschlagen geben. So beginnt ein erbitterter Kampf um den Körper, in dem sie beide stecken. Was leicht in einen Zickenkrieg ausarten könnte, hält die Autorin aber auf einem der Geschichte dienlichen Niveau. Während Wanda versucht, aus Melanies Erinnerungen alles über den menschlichen Widerstand zu erfahren, nutzt Melanie ihre Erinnerungen an ihren Freund Jared als Waffe und überflutet Wanda mit für Seelen völlig unbekannten Gefühlen. Immer wieder flammen die Auseinandersetzungen auf und der Konflikt ist allgegenwärtig, doch in der Geschichte bleibt auch genug Platz für andere Handlung.
Besonders erwähnenswert finde ich dabei die Reifung, die die beiden durchmachen. So untrennbar verbunden, erfährt Melanie Dinge von Wanda, die ihre Sicht auf die Seelen in Frage stellen. Und Wanda lernt, was es heißt, ein Mensch zu sein. Und trotz des ständigen Konflikts gibt es auch Situationen, in denen sie zusammenarbeiten, um den Körper zu retten, in dem sie gemeinsam stecken. Das führt unvermeidlich zu Veränderungen und denen wird in diesem Buch viel Raum gegeben.

Der Kampf um den Körper ist jedoch nicht der einzige Konflikt, denn außer Melanie gibt es noch weitere Widerstandskämpfer. Die Seelen kommen ihrem Versteck immer näher und werden wachsamer, sodass es schwieriger für sie wird, an Nahrungsmittel und andere wichtige Dinge zu kommen. Die verschiedenen Auseinandersetzungen treiben die Spannung in der Geschichte immer wieder in die Höhe und erleichtern es dadurch noch mehr, durch die Seiten zu fliegen. Wenn sich die Auseinandersetzung im Körper für einen Moment beruhigt hat, droht Gefahr von den Seelen. Das Meistern dieser Situation führt wiederum zu Streits unter den wenigen Menschen, die noch verblieben sind. Diese Kombination hält den Spannungsbogen immer aufrecht.

Schade finde ich bloß, dass die Autorin ihrer eigenen Geschichte nicht vertraut. Eigentlich ist genug Potenzial umgesetzt worden, um ein so gutes Buch entstehen zu lassen, dass auch ein nicht vollständig zufrieden stellendes Ende für jeden Leser in Ordnung sein müsste. Aber wie um sicher zu gehen, hat Stephenie Meyer noch ein zweites Ende geschrieben, das ein fast schon übertriebenes Happy End ist. Leider ist dieses Alternativende nicht als solches markiert. Hätte ich das gewusst, dann hätte ich nicht weiter gelesen, denn für mich war die Geschichte nach dem eigentlichen Ende besser und runder abgeschlossen.

Fazit:
Das Buch hat mich rundum positiv überrascht. Die Charaktere sind vielschichtig konzipiert und reifen während der Geschichte mit ihren Aufgaben und miteinander. Die Handlung ist geprägt durch unterschiedliche Konflikte, die den Spannungsbogen aufrechterhalten. Doch nicht nur deshalb, auch wegen des flüssigen Schreibstils ist es leicht, durch die vielen Seiten des Buches zu fliegen. „Seelen“ bekommt von mir eindeutig alle fünf Schreibfedern.




Anmerkung zum Film: Die arme Frau hat einfach kein Glück mit den Verfilmungen ihrer Bücher. Auch dieser Film ist völlig fehlbesetzt, die gesamte Emotionalität geht verloren und die Computeranimationen sind wirklich schlecht ins Bild montiert. Der einzig positive Punkt an der Verfilmung ist der Soundtrack, der wirklich viel Stimmung transportiert hat.


Montag, 19. Januar 2015

[Rezension] Mein letzter Wille – Nele Betra



Titel: Mein letzter Wille
Autor: Nele Betra
Verlag: Self-Publishing
Erscheinungsdatum: 17. November 2014
Einband: Softcover
Seiten: 114
ISBN: 978-1-503268-82-1
Preis: 6,99 € [D]

Klappentext:
Sitzengelassen vom Vater ihrer Tochter, bittet Florence ihren Bruder Finley um die Rückkehr nach Hause. Als Single und freischaffender Webdesigner erfüllt er ihren Wunsch und gemeinsam sind sie für Isabell da. Der Alltag hält Einzug und alles verläuft wunderbar, bis ein schreckliches Unglück passiert, welches Fin vor eine grundlegende Entscheidung stellt, die sein Leben für immer verändert.

Einordnung:
Das Buch ist kein Teil einer Reihe.

Rezension:
Die Geschichte ist recht kurzweilig, doch darin liegt in diesem Fall auch eine gewisse Würze. Trotz der wenigen Seiten umfasst die Geschichte eine ordentliche Zeitspanne, die sich aufgrund vieler Szenenwechsel aber nicht in die Länge zieht. Alle für die Handlung wichtigen Details werden in Ruhe eingeführt, beginnend bei den Charakteren, ihren Gefühlen und Gedanken bis hin zu den Vorurteilen der Gesellschaft und logistischen Problemen. Jede geschilderte Szene spielt eine Rolle, sodass der Leser immer ganz aktuell am Ball bleibt und sich nicht in langatmigen Ausschweifungen verliert. Wegen der vielen zeitlichen Sprünge zwischen den Szenen verläuft die Handlung zwar nicht so fließend, dass sie mich vollends hätte mitreißen können, doch das Buch bietet trotzdem gute Unterhaltung und ist bei Weitem nicht langweilig.

Besonders die Charaktere haben mir gut gefallen, denn es ist eine bunte Mischung von Persönlichkeiten. Auf jedem liegt lange genug der Fokus, dass sich Sympathien entwickeln konnten. Finley und Theo, ein Freund seiner Schwester, haben mich von Anfang an überzeugt durch die liebevolle Art, mit der sie sich um die Menschen kümmern, die sie brauchen. Ein Mann, der seine kleine Nichte so verehrt wie Fin, kann nur sympathisch sein. Diese Verehrung für Isabell, genannt Isi, geht auch auf den Leser über. Ihre kindliche Art erscheint mir absolut authentisch, auch wenn ich das nicht mit Sicherheit beurteilen kann. Und auch der Anwalt im Rockerstil, der leidenschaftliche Bestatter und Theos Mutter sind Figuren mit einer erstaunlichen Tiefe für so wenige Seiten, sodass ausführlichere Beschreibungen absolut nicht notwendig sind.

Der einzige Kritikpunkt an der Geschichte ist für mich das schreckliche Unglück, das Finleys Leben komplett auf den Kopf stellt. Es ist ein schwerer Schicksalsschlag, der mehrere Figuren in tiefe Trauer stürzen sollte. Doch das geschieht nicht. Besonders deutlich wird das bei Finley. Als Protagonist werden dessen Gedanken und Gefühle ausführlich dargestellt, doch er trauert fast kaum. Natürlich liegt das Hauptaugenmerk der Geschichte auf Finleys Homosexualität, seinen aufkeimenden Gefühlen und den Konflikten mit der Gesellschaft, die dadurch entstehen, doch wenn ein solcher Schicksalsschlag als Anstoß für die komplette Handlung verwendet wird, dann hätte er nicht auf den ersten Seiten verloren gehen dürfen, sondern in die weitere Geschichte mit eingewoben werden müssen.

Fazit:
Die Geschichte ist kurzweilig und daher nicht komplett mitreißend, bietet aber trotzdem gute Unterhaltung. Alle Charaktere sind vielschichtig und besonders die kleine Isi wirkt rundum authentisch. Leider wird aber der Schicksalsschlag, der den Anstoß für die komplette Handlung bildet, in meinen Augen nicht tief genug ausgeführt und stellt nur den Anfang einer Geschichte dar, in der es eigentlich um etwas gänzlich anderes geht. Daher bekommt „Mein letzter Wille“ insgesamt vier Schreibfedern von mir.



Ich bedanke mich bei der Autorin Nele Betra, die mir das Buch auf Umwegen als Rezensionsexemplar überlassen hat. Vielen Dank dafür.

Sonntag, 18. Januar 2015

[Rezension] Schöne neue Welt – Aldous Huxley



Titel: Schöne neue Welt
Autor: Aldous Huxley
Verlag: Fischer Verlag
Erscheinungsdatum: 10. März 2014
Einband: Softcover
Seiten: 368
ISBN: 978-3-596905-73-3
Preis: 9,99 € [D]

Klappentext:
1932 erschien eines der größten utopischen Bücher des 20. Jahrhunderts: ein heimtückisch verführerischer Aufriss unserer Zukunft, in der das Glück verabreicht wird wie eine Droge. Sex und Konsum fegen alle Bedenken hinweg und Reproduktionsfabriken haben das Fortpflanzungsproblem gelöst. Es ist die beste aller Welten – bis einer hinter die Kulissen schaut und einen Abgrund aus Arroganz und Bosheit entdeckt.

Einordnung:
Das Buch ist kein Teil einer Reihe.

Rezension:
Das Buch hält sich nicht groß mit einer Einleitung auf, sondern lässt den Leser direkt in die Handlung einsteigen. Eine Gruppe Studenten wird gerade vom Brut- und Normdirektor durch die Zentrale begleitet und die Geschichte beginnt mitten in dieser Führung. Nach und nach passieren die Studenten, die im späteren Verlauf des Buches keinerlei Rolle mehr spielen, die unterschiedlichen Räume. Sie können bei der Befruchtung der Eizellen zusehen, die im Brutofen aufbewahrten Ovarien betrachten und Mitarbeiter bei der Befüllung der Flaschen beobachten, in denen die künstlich gezeugten Kinder heranwachsen werden, bevor sie im Entkorkungszimmer das Licht der Welt erblicken. Im Normungssaal wird den Kleinkindern Angst vor Büchern und der Natur ankonditioniert und im Freien rennen die Kinder allesamt nackt herum und verbringen die Zeit mit Doktorspielen.
Über das ganze Buch hinweg hält sich die Handlung auf diesem Niveau. Es ist ein träges Gleiten, das nirgendwo anfängt und nirgendwo endet. Der Leser steigt auf der ersten Seite in die Handlung ein und auf der letzten Seite wieder aus, aber es führt nirgendwo hin. Es entsteht keine Geschichte in dem Buch, weil es keinerlei Entwicklung gibt. Die Seiten sind gefüllt mit aneinander gereihten Szenen, die scheinbar willkürlich ausgewählt sind und kein Ziel verfolgen.

Zudem hat das Buch keinen eindeutigen Protagonisten, sondern mehrere erzählende Figuren, die manchmal nach einem Szenenwechsel einfach nicht mehr auftauchen. Gerade zu Beginn der Geschichte gibt es extrem schnelle Perspektivenwechsel. Teilweise wird aus drei Perspektiven nur je ein halber Satz berichtet, wodurch ziemliche Verwirrung entsteht, zumal der Wechsel der Perspektive (zumindest in meiner Ausgabe) auch nicht markiert ist. Einige Stellen musste ich drei- bis viermal lesen, bevor ich die Satzfragmente dem jeweiligen Schauplatz zuordnen konnte. Das macht das Lesen unnötig anstrengend.
Dieser schnelle Perspektivenwechsel hat jedoch auch sein Gutes. Wenn vom Direktor, der die Theorie der Massenproduktion der nächsten Generation erklärt, zu einem Mitarbeiter in der entsprechenden Abteilung und dann weiter zu einem anderen Menschen, der diesen Schritt der Normung durchlaufen hat, gesprungen wird, ist die Wirkung der Methode direkt beobachtbar. Beispielsweise werden den Kindern die Regeln der Gesellschaft mit einer Methode, die Schlafschule genannt wird, noch vor der Geburt beigebracht. Für eine bestimmte Anzahl von Nächten wird den Kindern eine Tonbandaufnahme in hundertfacher Wiederholung vorgespielt, sodass sich die Gebote tief in ihrem Kopf festsetzen. Der Direktor erklärt den Studenten die Theorie hinter der Methode, während die die Mitarbeiterin gerade das Tonband für diese Nacht einschaltet und irgendein anderer Mensch bei seiner normalen Arbeit dieselben Wörter vor sich hin murmelt. Nichtsdestotrotz ist es anstrengend, dem schnellen Wechsel zu folgen.

Des Weiteren verstehe ich jetzt, warum „Schöne neue Welt“ (Originaltitel: Brave new world) so eine beliebte Schullektüre für den Englischunterricht ist. Das Buch bietet unglaublich viel Material für diverse Analysen. Das Hauptthema ist natürlich Gentechnik, aber auch Wahrheit und Gleichheit werden thematisiert. In einer Welt, die komplett der Wissenschaft gehorcht, gibt es außerdem keine Religion mehr, durch die Normung und Einflüsterungen noch vor der Geburt werden der freie Wille und das unabhängige Denken eingeschränkt. Für den Schulunterricht bietet das natürlich jede Menge Material, als Freizeitlektüre hat mir das Buch entschieden zu wenig Handlung und beschäftigt sich zu viel mit Philosophie.

Fazit:
Trotz anfänglich extrem schneller und ordentlich verwirrender Perspektivenwechsel ist das Buch an sich langatmig und die Handlung äußerst träge. Weder die Welt noch die Protagonisten entwickeln sich, sodass die gesamte Geschichte kein Ziel hat und auf nichts hinausläuft. Als Schullektüre mag das Buch gut geeignet sein, für die Freizeit ist es mir zu unzusammenhängend, ziellos und philosophisch. Daher kann ich „Schöne neue Welt“ nur zwei Schreibfedern geben.


Samstag, 17. Januar 2015

[Rezension] Mord im Orientexpress – Agatha Christie



Titel: Mord im Orientexpress
Autor: Agatha Christie
Verlag: Atlantik Verlag
Erscheinungsdatum: 08. September 2014
Einband: Softcover
Seiten: 256
ISBN: 978-3-455650-01-3
Preis: 9,99 € [D]

Klappentext:
Nach einigen Mühen hat Hercule Poirot ein Abteil im Kurswagen Istanbul - Calais des Luxuszugs ergattert. Doch auch jetzt ist ihm keine Ruhe vergönnt: Ein amerikanischer Tycoon ist ermordet worden, der ganze Zug voller Verdächtiger. Und der Mörder könnte jederzeit wieder zuschlagen. Eine Aufgabe, wie gemacht für den Meisterdetektiv.

Einordnung:
Es gibt mehrere Bücher, in denen Hercule Poirot ermittelt, diese sind jedoch unabhängig voneinander lesbar.

Rezension:
Da ich der französischen Sprache leider nicht mächtig bin, weiß ich auch nach dem Beenden des Buches noch nicht, wie der nette Detektiv ausgesprochen wird. Eigentlich ist das kein Problem, da der Name wegen der Kürze trotzdem einprägsam ist, allerdings sind Namen generell das große Manko an der Geschichte. Zwar bleibt der Orientexpress im Laufe der Geschichte in einer Schneewehe stecken, sodass Fahrgäste immer dieselben bleiben und sich damit die Anzahl der auftauchenden Figuren ordentlich beschränkt, aber gleichzeitig sind alle zwölf Fahrgäste zuzüglich der Schaffner Verdächtige und treten damit reihum immer wieder mehr oder weniger deutlich in Erscheinung. Da sich die Autorin kaum Zeit nimmt, die Figuren nacheinander ordentlich einzuführen, sondern viele bei einem Besuch im Speisewagen in einem Atemzug nennt, besteht hohe Verwechslungsgefahr, zumal die meisten Namen dem Englischen entstammen. Ich habe nie bewusst die Anzahl der Charaktere gezählt, daher war ich bis zum Schluss nicht sicher, wie viele Personen sich eigentlich im Zug befinden und ob der durchschnittliche englischsprachige Mann mit dem unauffälligen Namen und die Frau mittleren Alters schon einmal einen Auftritt hatten oder nicht.

Ansonsten eignet sich dieser Krimi aber wirklich gut zum Mitraten. Immer wieder legt Poirot dem Eisenbahndirektor Rechenschaft ab über seine Fortschritte. Dabei wird der Leser auf den aktuellen Stand seiner Gedanken gebracht und kann die eigenen Theorien weiter spinnen. Außerdem sind die Notizen, die sich der Detektiv während jeder Befragung macht, auch im Buch abgedruckt. Die Auflistung von möglichen Motiven, Gelegenheiten und weiteren Informationen zu jeder Person ist eine gute Zusammenfassung und bietet die Möglichkeit, nach Ungereimtheiten und Auffälligkeiten Ausschau zu halten.
Doch es werden nicht alle Details auf dem Silbertablett geliefert. Bei der Auflösung erläutert Poirot die Wichtigkeit vieler Dinge, die im Buch nur in einem kleinen, unauffälligen Nebensatz erwähnt wurden. So ist es mir bei diesem Buch, im Gegensatz zu den meisten Krimiserien, bis zum Schluss nicht gelungen, den Täter zu identifizieren.

Möglicherweise liegt das auch mit an der Idee, die hinter dem Mord steckt. Gegen Ende des Buches war ich zunächst enttäuscht darüber, wie viele Zufälle sich die Autorin aus den Fingern saugen musste, um noch einmal Spannung aufzubauen. Bei der Auflösung hat sich jedoch gezeigt, dass das Buch es auf jeden Fall wert ist, bis zum Schluss gelesen zu werden, denn nichts geschieht ohne einen bestimmten Grund und die Szenen sind durchdachter als sie im ersten Moment zu sein scheinen. Die Entlarvung des Täters hat mich in diesem Krimi begeistert und rundum zufrieden gestellt.

Fazit:
Der Krimi ist spannend und eignet sich gut, um eigene Vermutungen anzustellen. Dadurch, dass die Erkenntnisse des Detektivs entweder als Berichte an seinen Auftraggeber oder in Form von direkt abgedruckten Notizzetteln dargestellt werden, ist es leicht, den Ermittlungen zu folgen. Trotzdem ist die Auflösung überraschend, wenn auch sehr durchdacht. Der einzige negative Punkt an diesem Buch ist die Verwirrung und Unübersichtlichkeit bezüglich der Namen, sodass ich mir an vielen Stellen nicht über die Anzahl der Charaktere im Klaren war. Insgesamt bekommt „Mord im Orientexpress“ daher vier Schreibfedern von mir.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Neuzugänge #37

Nein, ich verstoße nicht nach zwei Wochen schon gegen meine eigene Challenge. Noch kann ich mich (gerade so) beherrschen! Die Neuzugänge sind alle noch vom letzten Jahr und ich habe davon auch nur ein Buch gekauft, die anderen sind Geschenke oder Gewinne von diversen Adventskalendern. Da ich bisher aber weder Zeit noch Möglichkeit hatte, die Neuzugänge vorzustellen, hole ich das jetzt nach, auch wenn ich das Bild zusammenschneiden musste, weil einige Gewinne noch bei meinen Eltern liegen und sich so vor dem Foto drücken.

"Die Achse meiner Welt" von Dani Atkins und "Gefühltes Herz" von Rigor Mortis sind Gewinne aus Adventskalendern. "Das verbotene Eden - David und Juna" von Thomas Thiemeyer, "Traces - Serienmord" von Malcolm Rose und "The Universe Verse" von James Lu Dunbar habe ich geschenkt bekommen.
"Ein unmöglicher Weihnachtswunsch" von Nele Betra ist mehr oder weniger ein Rezensionsexemplar und "Ghostwalker - Pfad der Träume" von Michelle Raven
hat mir geholfen, Versandkosten zu vermeiden.


Klappentext "Die Achse meiner Welt":
Rachel ist jung, beliebt, verliebt und wird in wenigen Wochen ihr Traumstudium beginnen. Perfekt. Doch dann geschieht ein schrecklicher Unfall, der ihr alles nimmt. Sie verliert den besten Freund, ihre Zuversicht und die Balance. Jahre später wird ihre Welt zum zweiten Mal auf den Kopf gestellt. Denn als sie nach einem schweren Sturz im Krankenhaus erwacht, ist ihr Leben plötzlich so, wie sie es sich immer erhofft hat. Die damalige Tragödie hat es anscheinend nie gegeben. Ihr bester Freund lebt und ist an ihrer Seite. Wie kann das sein? Und wie fühlt sich Rachel in ihrem neuen Leben – mit dem Wissen über all das, was zuvor geschah?


Klappentext "Gefühltes Herz":
Dieses Buch besteht aus sieben unterschiedlichen Geschichten, die sich um verschiedene Situationen ranken. Liebe, Vertrauen, Verlust, Schmerz, Leid, Berührungen, Verführungen. Mal kurz, mal etwas länger, zeigen diese Geschichten die Welt der Gefühle, Fantasien und Erlebnisse.


Klappentext "Das verbotene Eden - David und Juna":
Die Menschheit steht kurz vor ihrem Ende. Seit den "dunklen Jahren" leben Männer und Frauen in erbitterter Feindschaft. Die Zivilisation ist untergegangen: Während die Männer in den Ruinen der alten Städte hausen, haben die Frauen in der wilden Natur ein neues Leben angefangen. Nichts scheint undenkbarer und gefährlicher in dieser Welt als die Liebe zwischen der 17-jährigen Kriegerin Juna und dem jungen Mönch David. Und doch ist sie der letzte Hoffnungsschimmer...


Klappentext "Traces - Serienmord":
Der dritte Fall für Luke Harding, den jüngsten forensischen Ermittler der Zukunft. Ein Serienmörder benutzt Waffen, die keinerlei Spuren hinterlassen. Seine Opfer sind Frauen, die eins gemeinsam haben. Sie tragen alle denselben Namen: Emily Wonder. Als eine weitere Emily Wonder vermisst wird, muss Luke nach London fahren, um sie rechtzeitig zu finden. Doch ein Tsunami bedroht die Stadt, und für Luke wird die Zeit knapp...


"The Universe Verse":
Diese Gesamtausgabe enthält alle drei Bücher. Es handelt sich dabei um englische Comics, die in sich reimenden Versen verfasst sind und vom Universum handeln.


Klappentext "Ein unmöglicher Weihnachtswunsch":
Sitzengelassen vom Vater ihrer Tochter, bittet Florence ihren Bruder Finley um die Rückkehr nach Hause. Als Single und freischaffender Webdesigner erfüllt er ihren Wunsch und gemeinsam sind sie für Isabell da. Der Alltag hält Einzug und alles verläuft wunderbar, bis ein schreckliches Unglück passiert, welches Fin vor eine grundlegende Entscheidung stellt, die sein Leben für immer verändert.


Klappentext "Ghostwalker - Pfad der Träume":
Auf der Flucht vor ihren Feinden wird die Leopardenwandlerin Kainda schwer verletzt. Der Tierarzt Ryan Thorne kümmert sich aufopferungsvoll um sie und weckt Gefühle in ihr, die sie längst vergessen glaubte. Im Schutz der Nacht zeigt sie sich ihm in Menschengestalt und lässt Ryan in dem Glauben, die leidenschaftliche Begegnung fände nur in seinen Träumen statt. Da nehmen Kaindas Verfolger ihre Spur wieder auf...


Sowohl die Traces- als auch die Ghostwalker-Reihe besitze ich jetzt endlich vollständig. Sie passen zwar nicht mehr ins Regal, aber da fällt mir schon was ein. Besonders gespannt bin ich auf "Das verbotene Eden", wovon ich mir allerdings erst die anderen beiden Bände noch zulegen werden, und "The Universe Verse", was mir Lisa empfohlen hat, weil sie so hin und weg davon ist.

Habt ihr fremdsprachliche Bücher im Regal stehen?
Lest ihr Comics?

Mittwoch, 14. Januar 2015

[Statistik] Dezember 2014 und das Jahr 2014

Wie bereits angekündigt, war der Dezember wieder ein buchreicher Monat, obwohl nur zwei Weihnachtsgeschenke dabei sind, die ich vor meinem Urlaub auspacken durfte. Aber ich habe auch zwei Bücher gelesen, die schon länger auf meinem SuB lagen. Gelohnt hat sich das leider gar nicht.

Neuzugänge:
- "Magie" von Trudi Canavan [gebraucht]
- "Die Flucht" von Ally Condie [gebraucht]
- "Die Ankunft" von Ally Condie [gebraucht]
- "Die Beschenkte" von Kristin Cashore [gebraucht]
- "Ghostwalker: Die Spur der Katze" von Michelle Raven [gebraucht]
- "Ghostwalker: Auf lautlosen Schwingen" von Michelle Raven [gebraucht]
- "Der Schattengänger" von Monika Feth [Geschenk]
- "Der Bilderwächter" von Monika Feth [Geschenk]
- "Percy Jackson: Die Schlacht um das Labyrinth" von Rick Riordan [gebraucht]
- "Percy Jackson: Die letzte Göttin" von Rick Riordan [gebraucht]
- "Ich und die Menschen" von Matt Haig [gebraucht]
- "Bündnis der Sieben: Der Tod und die Diebin" von Swantje Berndt [gebraucht]

Gesamt: 12 Bücher



Gelesen und rezensiert:
- "Die Bestimmung - Fours Geschichte" von Veronica Roth (315 Seiten) [4/5]
- "Hit-Single" von Judith Liere (207 Seiten) [2/5]
- "Probezeit" von Judith Liere (205 Seiten) [1/5]

Bücher insgesamt: 3 Bücher
Seiten insgesamt: 727 Seiten
durchschnittliche Bewertung: 2,33 von 5 Schreibfedern




Das Jahr 2014 in Zahlen

Im Jahr 2014 habe ich insgesamt 41 Bücher mit 15.120 Seiten gelesen und diese mit durchschnittlich 3,73 von 5 Schreibfedern bewertet. Außerdem sind 112 Neuzugänge in meine Regale eingezogen. Im Grunde bin ich damit ganz zufrieden.