Sonntag, 14. Februar 2016

[Rezension] Infernale – Sophie Jordan



Titel: Infernale
Autor: Sophie Jordan
Verlag: Loewe Verlag
Erscheinungsdatum: 15. Februar 2016
Einband: Hardcover
Seiten: 380
ISBN: 978-3-785581-67-4
Preis: 17,95 € [D]

Klappentext:
Als Davy positiv auf das Mördergen Homicidal Tendency Syndrome (HTS) getestet wird, bricht ihre heile Welt zusammen. Sie muss die Schule wechseln, ihre Beziehung scheitert, ihre Freunde fürchten sich vor ihr und ihre Eltern meiden sie. Aber sie kann nicht glauben, dass sie imstande sein soll, einen Menschen zu töten. Doch Verrat und Verstoß zwingen Davy zum Äußersten. Wird sie das werden, für das alle Welt sie hält und vor dem sie sich am meisten fürchtet – eine Mörderin?

Einordnung:
- Infernale (Teil 1)
- Infernale: Rhapsodie in schwarz (Teil 2, erscheint im Juli 2016)

Rezension:
In den letzten Tagen und Wochen gab es wohl nirgendwo keine Werbung, Gewinnspiele, Tests oder Vorabberichte über dieses Buch. Dieser Hype hat mich ebenso neugierig auf die Geschichte gemacht wie die Thematik. Leider muss ich sagen, dass das Buch nicht meinen Erwartungen entsprochen hat. Es war stellenweise sogar langweilig. Das liegt zum einen daran, dass die eigentlich Thematik „Gene vs. Umwelt“ kaum berücksichtigt wird. Hin und wieder denkt die Protagonistin Davy darüber nach, dass sie nicht so werden möchte, wie sie laut ihrer DNA wohl zu werden hat, ansonsten bekommt das Thema nur dann Beachtung, wenn wieder einmal deutlich wird, dass alle überzeugt davon sind, dass die Gene das Verhalten bestimmen.
Dass mir das Buch nicht so zugesagt hat, liegt außerdem zum anderen an den eindimensionalen Charakteren, die zusätzlich auch noch eine Menge Klischees bedienen. Ich-Erzählerin Davy wird als Wunderkind bezeichnet, weil sie eine wunderschöne Stimme hat und nebenbei auch noch beinahe jedes Instrument spielen kann. Sie hat eine Zusage von der Juilliard bekommen, ist mit dem beliebtesten Jungen der Schule zusammen und bei ihren reichen Eltern gut behütet aufgewachsen. Dementsprechend naiv und verwöhnt ist sie, sodass ihr das gesamte Buch über einfach nur Dinge zustoßen, die sie passiv erlebt, statt dass sie ihr Leben aktiv selbst in die Hand nimmt. Nachdem ihr hormongesteuerter Freund, ihre eifersüchtige beste Freundin und ihre hilflosen Eltern sie nach der Diagnose des Mördergens hängen lassen haben, muss ihre Verteidigung dann Sean übernehmen, der perfekte Bad Boy mit harter Schale und weichem Kern. Die einzige Figur, die in meinen Augen ein bisschen Tiefe hat, ist der HTS-Träger Gil, der aber zwischen den zahlreichen anderen Nebencharakteren fast untergeht. Die Farblosigkeit der übrigen Charaktere sorgt zwar nicht unbedingt für Gleichgültigkeit ihnen gegenüber, macht in Verbindung mit den Klischees aber die Handlung sehr vorhersehbar.

Hinzu kommt, dass es eine ganze Weile dauert, bis die Handlung überhaupt in Fahrt kommt. Beinahe die gesamte erste Hälfte des Buches beschäftigt sich damit, wie sich Davys Leben ändert, nachdem bei ihr HTS diagnostiziert wurde. War sie zuvor noch das beliebte Wunderkind, muss sie nach der Diagnose nicht nur ihre Schule verlassen, sondern auch den Gesangsunterricht und alle anderen Hobbies aufgeben. Dies wird jedoch nur kurz am Rande erwähnt, da der Fokus hauptsächlich darauf liegt, wie Davys Freunde und Familie auf die Nachricht reagieren. In aller Ausführlichkeit wird berichtet, wie ihr Freund damit zu kämpfen hat und wie sie für ihre beste Freundin von einem Moment auf den anderen einfach gestorben ist. Im ersten Moment sind das schreckliche Entwicklungen, die mich mit Davy haben leiden lassen, doch ziemlich schnell entsteht der Eindruck, dass ihre Freunde Davy nie wirklich mochten, sondern immer nur eifersüchtig waren, und dass ihr Freund sich nur wegen ihrer Beliebtheit und ihres guten Aussehens für sie interessiert hat. Da sie daher in meinen Augen besser ohne die anderen dran war, hat sich die Dramatik relativ schnell aufgelöst. Gleiches gilt für ihre überforderten, distanzierten Eltern, deren normales Verhalten der Leser gar nicht zu sehen bekommt, da ihr erster Auftritt direkt im Zusammenhang mit der Diagnose steht. Einzig die Verzweiflung ihres älteren Bruders Mitchell hat mich wirklich berührt, denn obwohl Davy das Wunderkind und er der Versager ist, kümmert und sorgt er sich um sie.

In der zweiten Hälfte des Buches nimmt die Handlung dann aber langsam Fahrt auf. Das Leben als HTS-Träger, das vorher schon schrecklich war, wird plötzlich lebensbedrohlich. Für Spannung sorgen vor allem die kurzen Abschnitte zwischen den einzelnen Kapiteln, die SMS-Chats, Verhörprotokolle, offizielle Dokumente und Briefe enthalten. Dadurch erhält der Leser auf der einen Seite einen Eindruck vom Rest der Welt, über den Davy nicht Bescheid weiß, auf der anderen Seite aber auch häufig Hinweise auf die kommende Handlung, denn besonders in den SMS-Chats werden nicht selten Dinge geplant, die im Folgenden eine große Rolle spielen. Es ändert sich außerdem das Setting und Davy beginnt langsam, ihr Leben zumindest ganz kurz in die eigene Hand zu nehmen, sodass ich die Hoffnung habe, dass es im zweiten Band einige aktive Entscheidungen mehr geben wird.

Fazit:
Die erste Hälfte des Buches ist relativ langweilig. Nachdem bei der Protagonistin Davy das Mördergen diagnostiziert wurde, verändert sich ihr gesamtes Leben und es wird ausführlich beschrieben, wie Freunde und Familie sie im Stich lassen. Da die blassen, klischeebehafteten Charaktere aber nahezu alle unsympathisch sind, fiel es mir schwer, Davys Leid nachzuvollziehen. Erst in der zweiten Hälfte kommt langsam Spannung auf, die vor allem durch die zwischen den Kapiteln abgedruckten SMS-Chats und offiziellen Protokolle vermittelt wird. Dass Davy außerdem endlich langsam anfängt, aktiv in die Handlung einzugreifen, macht Hoffnung für den zweiten Band. Wegen der schwachen ersten Hälfte und den eindimensionalen Klischee-Charakteren bekommt „Infernale“ jedoch nur drei Schreibfedern von mir.

Kommentare:

  1. Hi Jenny!

    Jetzt musste ich bei dir natürlich auch vorbei schauen - du hast das wunderbar beschrieben, genauso sehe ich das auch :)
    Ich finds ja echt schade, dass Jugendbücher bei mir schön langsam diesen Klischee-Stempel kriegen, weil ich immer öfter merke, wie oberflächlich darin tolle Themen untergehen. Dabei müsste das gar nicht sein, wenn man bedenkt, für welches Alter diese Bücher sind ...
    Der zweite Band wird hoffentlich besser!

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hey,

      ich lese ja vor allem Jugendbücher, aber mir fallen Klischees auch in anderen Büchern auf. Okay, allein der Name Romantic Fantasy ist ja schon extrem klischeebelastet, aber die Bücher sind auch immer schrecklich vorhersehbar, oberflächlich und nach Schema F geschrieben, sodass man nur die Namen noch austauschen muss. Aber ja, viele Themen werden in Jugendbüchern leider nur oberflächlich angerissen. Generell macht mir das nichts aus, weil ich Bücher wegen der Geschichten lese und nicht wegen der gesellschaftskritischen Botschaften dahinter, aber wenn die Geschichte nicht mal das Thema der Geschichte differenziert betrachtet, dann weiß ich auch nicht weiter. :D

      Hoffentlich gefällt uns beiden der zweite Band besser. :)

      Liebe Grüße zurück,
      Jenny

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  2. Ich habe das Hörbuch gehört und habe 4 Sterne statt 3 gegeben, da mich die Sprecherin doch deutlich mitreißen konnte und die Geschichte mehr als spannend "gemacht" hat! Ich habe aber auch Kritik geübt. Finde die ÜBerwachungsmaßnahmen mehr als unglaubwürdig für Menschen, die als Mörder angesehen werden... Bin auch gleich mal Leserin geworden! LG Verena von Books -and-Cats! Schönes Wochenende!

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    1. Hey Verena,

      gut, dass ich Kommentare immer sofort beantworte, damit ich das nicht vergesse. *hüstel*

      Ich mag Hörbücher nicht, von daher ist das keine Alternative für mich. Aber es freut mich, dass sie dir Spaß an der Geschichte vermitteln konnte. Vielleicht wird der zweite Band ja auch inhaltlich spannend.

      Grüße zurück,
      Jenny

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