Montag, 26. September 2016

[Rezension] In einer anderen Welt – Jo Walton



Titel: In einer anderen Welt
Autor: Jo Walton
Verlag: blanvalet
Erscheinungsdatum: 15. August 2016
Einband: Softcover
Seiten: 415
ISBN: 978-3-734160-68-4
Preis: 9,99 € [D]

Klappentext:
Morwenna ist auf der Flucht vor der Erinnerung an den Tod ihrer Zwillingsschwester. Nun muss sie auch noch ihre Heimat, das märchenhafte Wales, verlassen und damit ihre einzigen Freunde. In einem Mädcheninternat hofft sie, wieder zu sich selbst zu finden, doch die Schülerinnen machen es ihr alles andere als einfach. Verzweifelt greift Morwenna daher zu der Magie, die sie seit ihrer Kindheit begleitet, und zu ihren Büchern. Denn diese öffnen Tore zu anderen Welten – und das nicht nur im übertragenen Sinne ...

Einordnung:
Das Buch ist kein Teil einer Reihe.

Rezension:
Der Titel des Buches und besonders der Klappentext legen die Vermutung nahe, dass die Protagonistin Morwenna entweder direkt in die Welten diverser Bücher reist oder zumindest mit den Figuren aus den Geschichten zu tun bekommt. Es ist jedoch weder das eine noch das andere der Fall. Die Bücher haben mit der Magie, die in dieser Geschichte vorkommt, schlichtweg überhaupt nichts zu tun, obwohl sie so gut wie alle dem Genre Science-Fiction zuzuordnen sind. Stattdessen besteht der Fantasy-Teil des Buches aus Feen, die fast nur Kinder sehen können, und verwirrender, abstrakter Magie, die Morwenna als Auslöser für zufällige Ereignisse betrachtet. Bis zum Schluss konnte ich dabei den Verdacht nicht abschütteln, dass das alles nur ihrer eigenen Fantasie entspringt, früher kindliche Vorstellungskraft war und jetzt als Verarbeitungsform für ihre posttraumatische Belastungsstörung wirkt. Doch selbst wenn die Feen und die Magie tatsächlich existieren, sind sie Auslöser für die Geschichte, aber sonst eigentlich vollkommen irrelevant.

Generell handelt es sich bei dem Buch um Morwennas Tagebuch. Es gibt daher keine einzelnen Kapitel, sondern nur das jeweilige Datum als Überschrift. Morwenna erzählt die Ereignisse des Tages, schildert ihre Gedanken und listet auf, welche Bücher sie gelesen hat. In so gut wie jeder anderen Geschichte wäre das vielleicht spannend gewesen, aber in Morwennas Leben passiert einfach nichts. Die Tagebucheinträge sind genauso langweilig wie es die Einträge der meisten Leser wohl auch wären.
Zu Beginn des Buches lässt sie sich ausführlich über Wales aus und darüber, wie die Täler in den Bergen besiedelt wurden. Zwischendurch erzählt sie ihren Familienstammbaum der letzten fünf Generationen. Obwohl sie selbst anmerkt, dass eine Zeichnung wohl praktischer gewesen wäre, finden sich ellenlange Abhandlungen darüber, wie ihre Ururgroßeltern und deren Geschwister hießen, wen sie geheiratet haben, woher sie stammten und welcher Religion sie angehört haben. Dazu gehört dann immer eine Auflistung der unzähligen Kinder (bis zu fünfzehn Kinder einer einzigen Person!), meist auch inklusive Namen, die ich alle im nächsten Satz schon wieder vergessen habe. Um alles noch verwirrender zu machen, berichtet sie nicht chronologisch über die Generationen und nennt beinahe jede weibliche Person in ihrer Familie „Tantchen“. Irgendjemand, der in den letzten fünf Generationen ihrer Familie angehört hat, war Franzose und irgendjemand anders Russe, mehr ist von den Dutzenden Seiten Familienstammbaum nicht hängen geblieben.
Neben den endlosen Beschreibungen der Vergangenheit, schildert Morwenna auch ihre aktuellen Erlebnisse an der neuen Schule. Dabei dreht sich fast alles nur um Honigbrötchen oder die Sportstunden, die sie wegen einer Behinderung in der Bibliothek verbringt. Sie führt ein relativ normales Leben und daran ändert sich auch im Laufe des Buches nichts. Sie ist einfach nur ein fünfzehnjähriges Mädchen, das zur Schule geht und Bücher liest. Das gipfelt in Einträgen wie dem vom 11. Dezember 1979, der außer „Klassenarbeiten. Mathe und Französisch.“ (S. 201) nichts besagt. Dieses Spannungsniveau hat das gesamte Buch.
Gefreut hatte ich mich am meisten auf die Bücher, die Morwenna im Laufe der Geschichte lesen würde. Ziemlich schnell hat sich allerdings herausgestellt, dass das auch nur eine langweilige Auflistung ist. Sie liest unglaublich viel, daher lässt sie sich nie ausführlich über die Bücher aus, sondern nennt meist nur Titel und Autor und in einem Satz ihre Meinung, hin und wieder erwähnt sie auch den Verlag oder stellt sich Fragen zum Inhalt, denen ich, da ich die Bücher beinahe alle nicht kenne, nicht folgen konnte. Es ist also unmöglich, dem Buch Leseempfehlungen zu entnehmen, da zum Inhalt der Bücher überhaupt nichts gesagt wird. Zudem verbringt Morwenna mehrere Stunden täglich in der Bibliothek, sodass sie im Laufe der Geschichte bestimmt eine dreistellige Anzahl von Titeln und Autoren erwähnt – davon kannte ich Der Herr der Ringe, Narnia und Per Anhalter durch die Galaxis.

Der einzig positive Punkt an diesem Buch ist der Schreibstil. Anfangs fand ich es störend, dass eine Fünfzehnjährige sich so gewählt und bildet ausdrückt wie eine Fünfzigjährige, aber daran habe ich mich gewöhnt. Obwohl in der Geschichte absolut überhaupt gar nichts passiert, ließen sich die Sätze doch flüssig lesen. Das Buch beginnt an einem beliebigen Punkt und endet auch dort, ohne dass dahinter ein tieferer Sinn steckt, aber ich hatte während des Lesens immerhin nie den Wunsch, dass es doch bitte endlich enden möge.

Fazit:
Titel und Klappentext des Buches führen in die Irre. Die wenige Magie, die in der Geschichte vorkommt, hat nichts mit Büchern zu tun und ist mir generell eher suspekt. Auch der Rest der Geschichte konnte mich nicht packen, weil einfach überhaupt nichts passiert. Das Buch ist das Tagebuch der Protagonistin Morwenna und sie erzählt lediglich ein wenig walisische Geschichte, listet in einer endlosen Abhandlung Namen und Herkunft ihrer unzähligen Familienmitglieder der letzten fünf Generationen auf, schildert ihre Erlebnisse in der Schule, die beinahe ausschließlich Stunden in der Bibliothek umfassen, und nennt eine unendliche Anzahl Bücher, die sie gelesen hat, ohne genauer auf den Inhalt einzugehen. Handlung gibt es im Grunde nicht. Mir hat lediglich der Schreibstil gefallen, da ich so immerhin flüssig durch die Langweile kam. Dafür bekommt „In einer anderen Welt“ gerade noch so zwei Schreibfedern.


Ich bedanke mit beim blanvalet Verlag und beim Bloggerportal Randomhouse für das Rezensionsexemplar.

Kommentare:

  1. Hallöchen,

    Ich finde nicht, dass der Klappentext auf eine Verbindung von Büchern und Magie schließen lässt.
    "Verzweifelt greift Morwenna daher zu der Magie, die sie seit ihrer Kindheit begleitet, und zu ihren Büchern." -> Sie greift also zum einen zur Magie und zum anderen zu ihren Büchern.
    Anywhoooo, ich werde mir das Buch nicht ausleihen - klingt wirklich nach Zeitverschwendung. ;)

    <3

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    1. Hey,

      ich meine das auch in Verbindung mit dem nachfolgenden Satz. Also mit "Denn diese öffnen Tore zu anderen Welten - und das nicht nur im übertragenen Sinne." Ich habe "diese" auf die Bücher bezogen. Aber außer aufgelistet werden machen die Bücher nicht wirklich irgendetwas.
      Gut, dann schreibe ich es nicht auf die Lisa-Ausleih-Liste. xD

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