Sonntag, 9. Oktober 2016

[Rezension] Gefangen zwischen den Welten – Sara Oliver



Titel: Gefangen zwischen den Welten
Autor: Sara Oliver
Verlag: Ravensburger
Erscheinungsdatum: 24. August 2016
Einband: Hardcover
Seiten: 414
ISBN: 978-3-473401-44-4
Preis: 16,99 € [D]

Klappentext:
Ve und Nicky sehen genau gleich aus. Doch die beiden sind keine Zwillingsschwestern. Zwischen ihnen liegen, im wahrsten Sinne des Wortes, Welten. Ein mysteriöses Portal hat Ve in ein Paralleluniversum katapultiert – mitten hinein in das Leben ihrer Doppelgängerin Nicky. Um in ihre eigene Welt zurückzukehren, muss Ve sich mit Nicky verbünden, ihre schlimmsten Ängste überwunden und ihre große Liebe Finn für immer verlassen ...

Einordnung:
- Gefangen zwischen den Welten (Teil 1)
- noch unbekannt (Teil 2)
- noch unbekannt (Teil 3)

Rezension:
Der Klappentext klingt viel spannender und dramatischer als das Buch eigentlich ist. Es stimmt, dass die Protagonistin Ve in einem Paralleluniversum landet, in dem sie sieht, wie ihr Leben hätte verlaufen können, wenn andere Entscheidungen getroffen worden wären – dort nennt sich ihr anderes Selbst noch immer Nicky. Allerdings ist es kein Problem für sie, in ihre eigene Welt zurückzukehren – sie müsste einfach nur das Portal ein weiteres Mal nutzen. Dass sie das nicht tut, liegt zu Beginn der Geschichte daran, dass nicht nur Ves, sondern auch Nickys Vater verschwunden ist. Beide sorgen sich um ihre Väter und wollen versuchen, sie zu finden. Zumindest bis Nicky sich auf den Weg machen muss, um rechtzeitig bei der Mathe AG zu sein, und Ve beschließt, sich trotz der Gefahr, dass sie beide gleichzeitig gesehen werden könnten, das Dorf anzusehen. Ab diesem Zeitpunkt sind die verschwundenen Väter eigentlich vollkommen egal, die Drohmail auf dem Computer nicht so wichtig und dass Ve und Nicky sich jetzt eine Welt teilen, macht auch nichts. Nur hin und wieder wird noch mal die Tatsache eingeworfen, dass die Väter immer noch verschwunden sind. Damit geht der eigentliche Aufhänger der Geschichte ziemlich verloren. Stattdessen beschäftigen sich die beiden Mädchen lieber mit Nachhilfe, AGs, Wettbewerben, Sport und Dates. Diese Setzung der Prioritäten ist ziemlich merkwürdig und ein Beispiel für die fehlende Emotionalität des Buches.
Die Emotionslosigkeit zeigt sich auch an vielen weiteren Stellen. Beispielsweise schon bei Ves Ankunft in der Parallelwelt, bei der sie weder sonderlich überrascht noch durch den Wind ist, obwohl sie nichts von der Existenz von Parallelwelten wusste. Es gibt keine Sekunde Unglaube oder Überforderung, nur ein einziges Mal steht in der Geschichte, dass Ve Angst hat, allerdings konnte ich diese Emotion da auch nur mit dem Verstand nachvollziehen, nicht mit dem Herzen. Statt also Angst zu haben und sich in Nickys Zimmer zu verstecken, läuft sie bei erstbester Gelegenheit durch das Dorf und unterhält sich mit mehreren Menschen, die sie zum Teil nicht einmal aus ihrer eigenen Welt kennt. Statt vorsichtig und misstrauisch zu sein, ist sie schon nach zwei Treffen so unglaublich verliebt in Finn und sich seiner Liebe so absolut sicher, dass sie sogar überlegt, für immer in dieser Welt zu bleiben. Und statt verunsichert oder überwältigt zu sein, lässt sich Ve gedanklich über Nicky aus und macht sich darüber lustig, dass sie ein Streber ist. Zum Teil hat sie damit Recht, Nicky ist wirklich extrem intelligent im naturwissenschaftlichen Bereich, aber vermutlich fällt Ve das so enorm auf, weil sie selbst wirklich dumm ist. Schon bei der leisesten Andeutung einer Erklärung für die Parallelwelten macht sich völlig zu und fasst die gesamte Erklärung mit „sie redete wirres Zeug“ zusammen. Damit gibt es auch für den Leser kaum Erklärungen und es entsteht somit der Eindruck, dass die Autorin entweder keine Lust hatte zu recherchieren oder aber glaubt, die Leser könnten die Erklärungen ohnehin nicht verstehen. Wirklich schade. Eigentlich lässt sich jeder wissenschaftliche Inhalt so herunter brechen, dass auch die Zielgruppe ab 12 Jahren den groben Zusammenhang verstehen kann.

Generell hat mir die Idee zu den Parallelwelten aber sehr gut gefallen. Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich sich Nicky und Ve und ihr Umfeld entwickelt haben. In der einen Welt versteht Ve nichts von Naturwissenschaften, in der anderen Welt nimmt Nicky an wissenschaftlichen Wettbewerben teil. In der einen Welt sind ihre Eltern noch verheiratet, in der anderen Welt leben sie getrennt. In der einen Welt arbeitet die Mutter, in der anderen Welt der Vater. Das hat mich neugierig darauf gemacht, wie wohl eine Parallelwelt mit meinem anderen Selbst aussehen würde.
Allerdings muss ich an diesem Punkt auch anmerken, dass die Unterschiede zwischen den beiden Welten manchmal völlig übertrieben waren. Häufig ist es eine Darstellung in schwarz-weiß, weil die Welten die genauen Gegenteile sind. Ves Mutter ist sportlich, selbstsicher und erfolgreich, während Nickys Mutter als dick, depressiv, arbeitslos und alkoholabhängig beschrieben wird. Da fiel es mir schwer, mir vorzustellen, dass das im Grunde die gleiche Person ist. Außerdem ist Ves Welt die Welt, wie wir sie auch kennen, während in Nickys Welt riesige Unternehmen wie Facebook, YouTube und Starbucks entweder gar nicht existieren oder vollkommen unwichtig sind. Dabei hat sich das Konzept aber trotzdem durchgesetzt, die Namen sind nur verändert. Zum Teil fand ich diese extremen Unterschiede unglaubwürdig. Es macht beinahe den Eindruck als hätte die Autorin mit aller Macht so viele offensichtliche Unterschiede wie möglich einbauen wollen, damit der Leser auf gar keinen Fall übersehen kann, dass Nickys Welt eben nicht Ves Welt ist. Weniger Unterschiede mit mehr Erklärungen für diese Unterschiede hätten mir deutlich besser gefallen.

Neben den merkwürdigen Prioritäten, der völlig abwegigen und unnötigen Liebesgeschichte, den fehlenden Emotionen und den übertriebenen Unterschieden gibt es noch eine Menge andere Dinge, die mir an diesem Buch nicht gefallen haben. Dazu gehören die allesamt unsympathischen Charaktere, die zum Teil selbst als Erwachsene noch übertrieben naiv handeln, und das überflüssige offene Ende, das ich kein Stück nachvollziehen kann und das im Grunde die Handlung für die beiden Folgebände schon vorwegnimmt.
Nichtsdestotrotz hat das Buch neben der schönen Idee der Parallelwelten auch gute Momente, die mir gefallen haben. Dazu gehören die Gedanken, die sich die Autorin rund um die Gefahr gemacht hat, die das offene Portal zwischen den Welten darstellt. Falls sich die folgenden Teile weniger um die Liebesgeschichte drehen, könnte daraus eine Menge Spannung entstehen. Außerdem lässt sich das Buch sehr gut lesen. Der Schreibstil ist so flüssig, dass die Seiten geradezu vorbei fliegen.

Fazit:
Das Buch war ganz anders als erhofft. Die Charaktere sind unsympathisch, Jugendliche wie Erwachsene handeln völlig naiv und die Liebesgeschichte ist absolut unglaubwürdig. Merkwürdige Prioritätensetzung und Emotionslosigkeit ziehen sich durch die gesamte Geschichte. Gelungen ist die Idee zu den Parallelwelten und die Überlegungen, welche Chancen und Gefahren durch ein offenes Portal zwischen zwei Welten entstehen, sind interessant. Leider werden die Welten so übertrieben unterschiedlich dargestellt, damit sie bloß niemand verwechseln kann, dass es schon wieder unglaubwürdig wird. Durchweg gelungen ist lediglich der Schreibstil, der das Buch flüssig lesen lässt. Für eine gute Idee mit ziemlich missglückter Umsetzung bekommt „Gefangen zwischen den Welten“ gerade noch drei Schreibfedern.


Ich bedanke mich beim Ravensburger Buchverlag und bei lovelybooks für das Rezensionsexemplar.

Kommentare:

  1. Hey Jenny,
    ok das Buch wandert sofort von meiner Wuli runter. Unsympathische Charaktere und eine unglaubwürdige LG schrecken mich ganz schön ab.
    LG Sandra

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey Sandra,

      die Liebesgeschichte ist hier wirklich ganz besonders schrecklich. Da bin ich ohnehin nicht so ein Fan von, aber wenn es nach zwei kurzen Treffen die Liebe des Lebens ist, obwohl sie den Kerl in der anderen Welt noch gehasst hat - na ja, irgendwie komme ich da nicht ganz mit.
      Normalerweise würde ich jetzt sagen, dass du dir mal noch andere Meinungen anschauen solltest, bevor du das Buch von der Wunschliste nimmst. Entscheidungen basierend auf einer Meinung sind immer etwas kritisch. Allerdings habe ich das Buch ja in einer Leserunde gelesen und wir waren alle derselben Meinung. Ich habe selten erlebt, dass sich die Leser so einig sind. Es unterscheiden sich natürlich die Details und es gibt auch Ausnahmen, die das Buch super fanden, aber die meisten waren sich ziemlich einig in ihren Kritikpunkten.

      Grüße,
      Jenny

      Löschen