Donnerstag, 12. Januar 2017

[Rezension] Erebos – Ursula Poznanski



Titel: Erebos
Autor: Ursula Poznanski
Verlag: Loewe
Erscheinungsdatum: 07. Januar 2010
Einband: Softcover
Seiten: 486
ISBN: 978-3-785569-57-3
Preis: 14,90 € [D]

Klappentext:
Nick ist süchtig nach Erebos, einem Computerspiel, das an seiner Schule von Hand zu Hand weitergereicht wird. Die Regeln sind äußerst streng: Jeder hat nur eine Chance, Erebos zu spielen. Er muss dabei immer allein sein und darf mit niemandem über Erebos reden. Wer dagegen verstößt oder seine Aufgaben nicht erfüllt, fliegt raus und kann das Spiel auch nicht mehr starten. Was aber am merkwürdigsten ist: Erebos erteilt Aufträge, die nicht in der virtuellen Welt, sondern in der Wirklichkeit ausgeführt werden müssen. Fiktion und Realität verschwimmen auf irritierende Weise. Und dann befiehlt das Spiel Nick, einen Menschen umzubringen ...

Einordnung:
Das Buch ist kein Teil einer Reihe.

Rezension:
Insbesondere in der ersten Hälfte ist das Buch spannend und mitreißend geschrieben. Die Geschichte beginnt, als Nick, der Protagonist, beginnt, Veränderungen bei seinen Freunden und Klassenkameraden zu bemerken. Schnell stellt er fest, dass sie heimlich eine CD untereinander weiter reichen. Aber niemand will verraten, worum es sich dabei handelt. Eifersüchtig versucht er, ebenfalls an ein Exemplar der herumwandernden CD zu kommen, denn alle scheinen von ihrem Inhalt begeistert zu sein. Es dauert nicht lange, bis auch er ein Exemplar in den Händen hält und feststellt, dass es sich um ein Spiel mit dem Namen „Erebos“ handelt.
Meine anfänglichen Befürchtungen, es würde ab dort langweilig werden, seitenlang zu lesen, wie Nick auf Pfeiltasten drückt oder andere Tastenkombinationen ausprobiert, während er das Spiel spielt, haben sich als unbegründet herausgestellt, sobald das Spiel richtig beginnt. Ab diesem Zeitpunkt wechselt die Erzählperspektive nämlich zwischen Nick und seinem Charakter Sarius hin und her. Nick geht zur Schule, macht Hausaufgaben, isst mit seinen Eltern und spricht mit seinen Freunden. Und Sarius schleicht durch Labyrinthe, tötet Skorpione, nimmt an Arenakämpfen teil und unterhält sich mit Werwölfen, Vampiren, Zwergen und Barbaren. Dadurch, dass Sarius die Gefühle und Gedanken eingehaucht werden, die Nick vor dem Bildschirm empfindet, wirkt alles echter und mitreißender. Wann immer Nick das Spiel spielt und Sarius erzählt, liest sich das Buch mehr wie ein Fantasybuch und jedes Mal, wenn Nick unterbrochen wird und die Perspektive zurück zu ihm springt, musste ich mich daran erinnern, dass Sarius eine Spielfigur ist und nicht wirklich gerade um sein Leben gekämpft hat. Stellenweise ist das Buch damit spannender, wenn Nick das Spiel spielt, als wenn er sich im echten Leben bewegt. Das ändert sich aber schlagartig, als das Spiel beginnt, ihm Aufträge in der realen Welt zu erteilen. Um sein Spiel fortsetzen zu können, muss er Kisten von einem Ort zum anderen transportieren, Fotos von bestimmten Personen machen und so weiter. Dafür wird er in der Welt des Spiels mit einem höheren Level oder besserer Ausrüstung belohnt. Am unheimlichsten ist jedoch, dass das Spiel immer weiß, ob Nick seine Aufträge tatsächlich ordnungsgemäß ausgeführt hat oder nicht.

Etwa in der Mitte des Buches flachte die Spannung dann aber irgendwie ab. Es ist sehr deutlich geworden, dass alle Spieler schnell süchtig nach Erebos geworden sind, denn immer wieder fehlen viele Schüler in der Schule, diejenigen, die aus dem Spiel geflogen sind, suchen verzweifelt Wege zurück, immer wieder sind Schüler offensichtlich bei der Erledigung von Aufträgen zu beobachten und jeder hält sich akribisch an die Regeln, um bloß nicht den Missfallen des Spiels zu erregen. Realität und Fiktion verschwimmen immer mehr, indem Handlungen im Spiel in Aufträge in der Realität münden, die wiederum zu Belohnungen im Spiel führen. Das ist mehr als deutlich geworden, doch die Handlung verändert sich nicht. Nick spielt und Sarius kämpft, immer und immer wieder. Erst, als Nick den Auftrag bekommt, in der realen Welt einen Menschen zu töten, nimmt die Geschichte wieder Schwung auf. Ganz so spannend wie zu Beginn, als das Spiel mit all seinen Möglichkeiten eingeführt wird, wurde es aber nicht mehr.

Das mich die zweite Hälfte nicht mehr so mitreißen konnte, liegt wohl unter anderem daran, dass die einzigen drei Figuren der realen Welt, die ich außer Nick noch sympathisch fand, irgendwann dann doch alle auf seiner Seite stehen, sodass es dort im Gegensatz zum Anfang in der Realität mit seinen echten Freunden keine größeren Konflikte mehr gibt. Außerdem gefällt mir die Idee hinter der Geschichte zwar ziemlich gut und es ist geschickt gemacht, jeden Charakter nur einzelne Puzzelsteine wissen zu lassen, aber die Endauflösung hat mich irgendwie enttäuscht. Nicht unbedingt hinsichtlich des Ziels des Spiels, aber ich finde die Anzahl der Spieler, die das Spiel so eingewickelt und manipuliert hat, dass sie buchstäblich über Leichen gehen, dann doch übertrieben. Das Finale fing richtig gut an, als die Parallelen zwischen Spiel und Realität immer offensichtlicher wurden und Details aus dem Spiel sowie Aufträge in der echten Welt plötzlich Sinn bekamen. Damit hätte das Buch ebenso dramatisch wie realistisch abschließen können, aber in meinen Augen hat die Autorin auf den letzten Metern dann einfach etwas zu viel gewollt und den Abschluss zu groß aufgebauscht.

Fazit:
Am Anfang ist das Buch unglaublich spannend, als Nick beginnt, die Welt von Erebos zu erforschen. Dadurch, dass abwechselnd aus seiner Perspektive und der Sicht seines Spielcharakters berichtet wird, ist sowohl die Handlung in der Realität als auch im Spiel mitreißend. Dieses Gefühl verstärkt sich noch, als Realität und Fiktion anfangen zu verschwimmen, weil das Spiel Aufträge in der Realität erteilt, die zu Belohnungen im Spiel führen. Allerdings nimmt sich die Autorin sehr viel Zeit dafür, diesen Umstand mehr als deutlich zu machen, sodass die Spannung in der Mitte des Buches einen Hänger hat. Zum Ende hin wird es zwar wieder spannender und die Idee hinter der Geschichte gefällt mir richtig gut, aber das große Finale ist in meinen Augen mit zu vielen Charakteren so aufgebauscht, dass es nicht mehr realistisch ist. Weniger wäre an dieser Stelle mehr gewesen. Trotzdem bekommt „Erebos“ als spannendes Buch vier Schreibfedern von mir.

Kommentare:

  1. Guten Abend,

    mir ging es ähnlich. Für mich war das Buch eine solide 3 Sterne Lektüre, aber so richtig mitreißen konnte es mich dann nicht.
    Am Anfang war ich noch ganz angetan von der Grundidee und wollte wissen, was alles dahinter steckt, aber ich mochte die Figuren nicht so besonders und die Liebesgeschichte war mir irgendwie etwas zu unglaubwürdig. Das Ende empfand ich als recht lächerlich.
    Ich denke in jüngeren Jahren hätte mir das Buch deutlich besser gefallen. So bleibt es bei einem ganz netten Buch, das aber nicht lange nach hallt.
    Seaculum fand ich tatsächlich besser.

    LG
    Ina

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    1. Hey Ina,

      die Liebesgeschichte habe ich gar nicht erst erwähnt. Ich meine, Nicks Gefühle sind ja offensichtlich und das ist auch okay. Aber wo Emilys auf einmal her kamen? Ich hatte das Gefühl, was verpasst zu haben. Und mir fehlt, dass er ihr mitteilt, dass er Schuld ist an den Vorwürfen gegen Eric. Aber na ja, man kann nicht alles haben.
      Saeculum habe ich tatsächlich noch nicht gelesen. Ich habe aber noch die Reihe mit "Die Verratenen" etc. im Regal, die werde ich wohl bald irgendwann mal lesen. Wenn mir die gefällt, versuche ich es auch mal mit Saeculum. ;)

      Liebe Grüße zurück,
      Jenny

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