Sonntag, 10. September 2017

[Rezension] Cloud – Claudia Pietschmann


Titel: Cloud
Autor: Claudia Pietschmann
Verlag: Arena
Erscheinungsdatum: 10. August 2017
Einband: Hardcover
Seiten: 362
ISBN: 978-3-401603-49-0
Preis: 15,00 € [D]


Emma ist verliebt: Paul versteht sie wie kein anderer, erst recht seit ihr kleiner Bruder verstorben ist. Die beiden haben sich zwar noch nie getroffen, aber online teilen sie alles miteinander. Paul will alles über sie wissen und Emma schneidet bereitwillig ihr ganzes Leben für ihn mit. Immer wieder fallen ihm Überraschungen ein, die er ihr über das Internet per Knopfdruck schickt. Aber Pauls nette kleine Gefallen, die ihr Leben schöner machen, bekommen bald einen bitteren Beigeschmack. Denn für ihn scheint Emma das einzige Fenster zur Welt zu sein. Ihrem Wunsch, sich endlich zu treffen, weicht er aus. Was ist los mit Paul – gibt es ihn überhaupt?


Das Buch ist kein Teil einer Reihe.


Seifenblasen schmecken wie Butterblumen.
(Seite 5)


Das Buch lebt von einer unendlich naiven Protagonistin. Emma trauert um ihren verstorbenen Bruder, als sie im Internet auf einer Trauerseite Paul kennenlernt. Sie chatten ein wenig, beginnen dann zu telefonieren und Emma schickt ihm sogar Videos von ihrem Alltag, damit er alles kennenlernt. Wie der Klappentext schon anspricht, gibt es dabei nach und nach immer mehr Hinweise darauf, dass Paul möglicherweise nicht ganz ehrlich ist. Beispielsweise gibt er kaum Informationen über sich selbst Preis, weiß Dinge, die er nicht wissen dürfte, und liefert oftmals Erklärungen, die schwer nach Ausreden klingen. Obwohl die Frage, wer Paul denn nun wirklich ist, lange Zeit nicht geklärt wird, habe ich gar nicht genug Finger, um die Momente aufzuzählen, an denen ich zumindest skeptisch geworden bin. Emma dagegen ist dermaßen naiv und vertrauensselig, dass sie kaum jemals wenigstens für einige Sekunden stutzig wird. Dabei ist es irrelevant, wie offensichtlich Paul sie angelogen hat, sie nimmt das schlichtweg nicht wahr. Dieses beeindruckende Maß an Naivität zieht sich durch das gesamte Buch, sodass es mir unmöglich war, mich in irgendeiner Art und Weise mit Emma zu identifizieren. Daher bin ich schnell dazu übergegangen, sie, ihre Gedanken und ihre Handlungen einfach zu ignorieren und mich stattdessen auf den Rest der Geschichte und meine eigenen Überlegungen zu konzentrieren. Dadurch hat mich das Buch ab der Mitte dann tatsächlich packen können.

Die Handlung selbst ist durchaus spannend und überraschend, obwohl ich befürchtet hatte, der Klappentext hätte schon eine Menge gespoilert. Das ist jedoch nicht der Fall, da die Autorin sich sehr gut darauf versteht, Dinge ungewöhnlich zu interpretieren. Obwohl das Buch ganz aktuell im Herbst und Winter 2017 spielt, mutet es wie ein Science-Fiction-Roman an. Nicht nur Emmas Internetfreundschaft mit Paul spielt dabei eine Rolle, sondern Technik im Allgemeinen, da Emmas Familie nicht nur ein selbstfahrendes Auto besitzt, sondern auch in einem SmartHome lebt. Familienclouds, selbst einkaufende Kühlschränke, Duschen, die die persönlichen Vorlieben jedes Bewohners erkennen und Licht, dass auf ein Händeklatschen reagiert, zeichnen ein erschreckendes Bild der Zukunft, während die Geschichte doch offensichtlich ganz aktuell verankert ist. Die technischen Möglichkeiten, ihre Vorteile und Risiken nutzt die Autorin geschickt aus, um eine spannende Geschichte mit interessanten Ideen und überraschenden Wendungen zu erzählen.

Diese Spannung hält sich leider nicht bis ganz zum Ende, weil die schlussendliche Lösung des Problems wirklich sehr seicht ist und für mich viel zu schnell abgehandelt wurde. Überhaupt war die Geschwindigkeit manchmal ein großes Problem. Protagonistin Emma ist nicht nur unglaublich naiv, sie überstürzt auch alles. Sie lernt Paul zu Beginn des Buches kennen, sofort ist er ein Vertrauter und nach kaum zwei Dutzend Nachrichten will sie ihn schon treffen. Bei dem Tempo konnte ich leider überhaupt nicht folgen. Für mich hat es sich nie so angefühlt als würde Paul sie mehr verstehen als andere Menschen in ihrem Leben. Weshalb sie so begeistert von ihm war, konnte ich auch nicht nachvollziehen. Ihre Emotionen schwappten schneller hin und her als ich folgen konnte. Das betraf sowohl ihre Trauer um ihren Bruder, die manchmal einfach aus dem Nichts ausbrach und wenige Sätze später genauso schnell wieder verschwunden war, als auch ihre Gefühle gegenüber anderen Charakteren. Durch diese überstürzten Wechsel fehlte mir oftmals die emotionale Tiefe.


Die Idee des Buches ist sehr interessant. Die Autorin hat ein spannendes Buch geschrieben, das wie ein Science-Fiction-Roman klingt, erschreckenderweise aber in schon in diesem Jahr spielt. Zudem gab es überraschende Enthüllungen, da der Klappentext zum Glück weniger spoilert als erwartet. Leider lebt die Geschichte von einer unendlich naiven Protagonistin. Es war mir unmöglich, mich mit Emma zu identifizieren, die zu gleichen Teilen naiv, blind und vertrauensselig ist. Zudem überstürzt sie alles, sodass ich ihr insbesondere auf emotionaler Ebene nicht folgen konnte. Viele Aspekte waren für mich schlichtweg nicht nachvollziehbar, weil sie abgehandelt waren, bevor ich mich emotional darauf einlassen konnte. „Cloud“ ist zwar ein interessantes, spannendes Buch, aber leider mit einer echt schrecklichen Protagonistin, sodass ich nur drei Schreibfedern vergeben kann.

1 Kommentar:

  1. Hallo Jennifer,

    ich lese das Buch aktuell und habe noch knapp 100 Seiten. Allerdings kann ich dir voll und ganz zustimmen. Mir ist Emma auch viel zu schnell und naiv. Fast wie ein Fähnchen im Wind...

    Trotzdem finde ich die Idee von Claudia Pietschmann gut und bin gespannt, wie die Geschichte enden wird.

    Liebe Grüße,
    Uwe

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