Sonntag, 17. Dezember 2017

[Rezension] Scythe 1: Die Hüter des Todes – Neal Shusterman


Titel: Scythe – Die Hüter des Todes
Autor: Neal Shusterman
Verlag: Fischer
Erscheinungsdatum: 21. September 2017
Einband: Hardcover
Seiten: 513
ISBN: 978-3-737355-06-3
Preis: 19,99 € [D]


Die Scythe sind auserwählt, um zu töten. Sie entscheiden, wer lebt und wer stirbt. Sie sind die Hüter des Todes in einer fast perfekten Welt. Als Citra und Rowan – gegen ihren Willen – für die Ausbildung zum Scythe berufen werden, bleiben ihnen nur zwei Dinge: ihre Freundschaft, die vielleicht mehr als Freundschaft ist, und die hohen moralischen Regeln der Scythe, die das Töten irgendwie erträglich machen. Doch nicht alle Hüter des Todes halten sich noch an die uralten Regeln der Gilde, und aus einem Grund, der für Citra unbegreiflich bleibt, fühlt Rowan sich von diesen dunklen Scythe angezogen. Bald stehen Citra und Rowan auf unterschiedlichen Seite und kämpfen doch um das Gleiche: das perfekte Leben, das richtige Sterben, ihre Liebe.


- Die Hüter des Todes (Teil 1)
- Der Zorn der Gerechten (Teil 2)

- weitere Teile werden erscheinen


Wir müssen von Rechts wegen Buch führen über die Unschuldigen, die wir töten.
(Seite 9)


Bei jedem Buch entwickele ich während des Lesens Hoffnungen und Erwartungen, wie es weiter gehen, wie Rätsel gelöst und was aus bestimmten Charakteren werden soll. Manchmal erfüllt ein Autor diese Hoffnungen und macht mich damit nicht nur glücklich, sondern nimmt mich regelrecht gefangen, weil ich selbst die spannende Geschichte weiter denke. Oftmals werden diese Hoffnungen aber auch nicht erfüllt und dann bin ich enttäuscht, weil Potenzial verschenkt oder die unrealistische bzw. klischeebehaftete Variante gewählt wurde. „Scythe“ gehört weder in die eine noch in die andere Kategorie. Meine Hoffnungen sind in diesem Buch im Grunde nie erfüllt worden, weil Neal Shusterman alles jedes Mal anders gemacht hat als erwartet, aber genau das macht dieses Buch so unbeschreiblich genial. Die Entwicklungen und Enthüllungen waren jedes Mal anders als erwartet, aber so viel besser als meine eigenen Ideen, dass ich kaum aufhören konnte zu lesen. Shusterman beschreibt Handlungen und Hintergründe, die ich mir nie im Leben selbst hätte ausdenken können. Seine Fantasie reicht weit über meine eigene hinaus und deshalb liebe ich dieses Buch, obwohl nie die Dinge geschehen sind, die ich wollte. Shustermans Alternativen sind einfach so viel besser.
Häufig sind es kleine, tiefgründige, genau durchdachte Details gewesen, die mich sprachlos gemacht haben. Diese am Rande erwähnten Erklärungen, die die interessante, spannende und packende Konzeption der futuristischen Welt perfekt abrunden, tauchen häufig auf. Besonders hängen geblieben ist mir die Zeit, in der das Buch spielt. Tod und Krankheit sind besiegt, wodurch Unsterblichkeit herrscht. Zwar altern die Menschen, aber sie können sich jederzeit auf einen jüngeren Zustand resetten lassen. Wer versehentlich stirbt, wird einfach zurück ins Leben gehört. Lediglich die Personen, die von den Scythe getötet werden, sind für immer fort. Es gibt auf der Welt nichts mehr zu entdecken, weil alles Wissen bereits vorliegt und in der Cloud einer riesigen, friedlichen künstlichen Intelligenz gespeichert ist. Für diese Utopie hätte der Autor sich jede Jahreszahl in der Zukunft aussuchen können, vollkommen willkürlich und ohne Begründung. Stattdessen wird schnell deutlich, dass niemand weiß, in welchem Jahr sie sich gerade befinden, weil sie aufgehört haben zu zählen, da die Zeit mit der Unsterblichkeit an Bedeutung verliert. Die Zeit verliert mit der Unsterblichkeit an Bedeutung. Deshalb gibt es keine Jahreszahlen mehr und niemand weiß sein genaues Alter. Das ist eine der unglaublich tiefgründigen Ideen, mit denen der Autor seine Welt konzipiert hat und auf die ich niemals selbst gekommen wäre. Und diese kleinen Bonbons sind im ganzen Buch verstreut, wo sie mich immer wieder begeistert haben.

Neben seinen genialen Ideen hat mich auch Shustermans Erzählstil sofort überzeugt. Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Hauptsächlich berichten Citra und Rowan, aber auch einige Scythe befinden sich manchmal im Fokus. Diese unterschiedlichen Perspektiven sind jedoch nicht strikt getrennt. Der Übergang von einem Erzähler zum nächsten ist fließend. Manchmal bewegt sich der Fokus dynamisch mitten im Text, sogar mitten im Absatz von Citras Gedanken zu Rowans Gefühlen und wieder zurück. Dadurch wird die Aufmerksamkeit immer auf die relevante Person gelegt, statt alle Reaktionen in eine Figur zu stopfen oder dieselbe Szene aus mehreren Perspektiven zu erzählen. Da immer in der dritten Person erzählt wird und dementsprechend die Namen verwendet werden statt „Ich“, kommt es auch nie zu Verwirrungen, wessen Gedanken oder Gefühle gerade mitgeteilt werden. Es hat mir wahnsinnig gut gefallen, mitzuerleben, wie Citra ihre Gedanken sortiert und sie in Worte formuliert und direkt im nächsten Satz Rowans emotionale Reaktion auf die Aussage zu erleben. Die wirklichen, echten Gefühle zu erfahren hat eine viel tiefere Verbindung zu beiden Charakteren geschaffen als wenn ich die Reaktionen immer nur durch die spekulierenden Augen der anderen Figur gesehen hätte.

Auch inhaltlich hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es befasst sich zum Großteil mit Citras und Rowans Ausbildung, aber die tatsächlichen Techniken zum Töten (oder Nachlesen, wie die Scythe es nennen, damit es nicht so grausam klingt) werden nicht so sehr thematisiert wie daraus entstehende psychische Belastung und moralische Verantwortung. Die allererste Lektion, die Citra und Rowan erhalten, ist gleichzeitig auch die wichtigste: Scythe werden nur Menschen, die es nicht werden wollen. Der Tag, an dem sich ein Scythe an das Töten gewöhnt oder gar Spaß daran entwickelt, ist der Tag, an dem er sich selbst töten sollte. Andere Scythe können das nicht übernehmen, denn das Gesetz besagt, dass ein Scythe nur durch sich selbst gerichtet werden darf. Dadurch entstehen natürlich Probleme, denn nicht alle Scythe, die Spaß am Töten finden, haben sich ihre moralischen Werte erhalten. Neben Moral spielt daher auch Politik eine große Rolle, denn neben den weisen, friedfertigen Scythe, für die das Töten eine notwendige Bürde ist, gibt es auch charismatische, grausame Scythe, die sich für überlegen halten und ihre Massenhinrichtungen feiern. Die Versammlungen, die Citra und Rowan im Zuge ihrer Ausbildung besuchen, sind mit ihren Grundsatzdebatten über das Töten genauso lehrreich wie die individuellen Ausflüge, bei denen tatsächlich ein Mensch getötet wird. 
Insgesamt ist das Buch damit relativ langsam, weil über eine große Zeitspanne berichtet wird und die Handlung nicht besonders viel Geschwindigkeit hat. Dafür ist es aber umso intensiver erzählt und es wird sehr viel Wert auf Charakterentwicklung gelegt, sodass trotz der offensichtlichen Grausamkeit nachvollziehbar ist, wie Rowan auf der Seite der dunklen Scythe landen konnte. Außerdem werden manchmal schnelle, actionreiche Szenen zwischen den vielen moralischen Debatten eingeschoben und es ist trotz Langsamkeit sehr spannend, weil der Autor immer wieder mit einer Überraschung um die Ecke kommt.


An diesem Buch hat mich einfach alles überzeugt. Meine Hoffnungen und Erwartungen wurden immer wieder übertroffen, weil der Autor Ideen auf einer Ebene hat, bis zu der meine Fantasie bei Weitem nicht reicht. Tiefgründige Details, die eine interessante, spannende Welt perfekt abrunden, haben mich absolut begeistert. Auch der Erzählstil hat mir sehr gefallen. Die Perspektive wechselt oft mitten im Text dynamisch zwischen den Personen und schiebt den Fokus der Aufmerksamkeit immer auf die Gedanken und Gefühle der Figur, die gerade relevant ist. Diese fließenden Übergänge sind jedoch nie verwirrend, sondern schaffen tiefe Verbundenheit zu den Charakteren. Inhaltlich ist das Buch genauso überzeugend, denn es ist zwar relativ langsam, aber sehr intensiv erzählt. Das Thema Tod und Töten wird in all seinen Facetten erläutert, diskutiert und erlebt und das auf sehr innige Art und Weise. Hinzu kommt eine sehr ausführliche, nachvollziehbare Charakterentwicklung, die alle Figuren mehrdimensional und konsistent erscheinen lässt. Dieses Buch hat Neal Shusterman auf die Liste meiner Lieblingsautoren rutschen lassen. „Scythe – Die Hüter des Todes“ gehört zu meinen Jahreshighlights und bekommt dafür alle fünf Schreibfedern.

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