Donnerstag, 13. September 2018

[Rezension] Dark Palace 1: Zehn Jahre musst du opfern – Vic James


Titel: Dark Palace – Zehn Jahre musst du opfern
Autor: Vic James
Verlag: Fischer
Erscheinungsdatum: 22. August 2018
Einband: Hardcover
Seiten: 440
ISBN: 978-3-8415440-10-5
Preis: 18,99 € [D]

Klappentext
In England muss jeder, der nicht zum magischen Adel gehört, zehn Jahre lang als Sklave arbeiten. Lukes Familie will diese Sklavenjahre gemeinsam durchstehen, im Dienst der mächtigen Herrscherfamilie Jardine. Doch nun rast Lukes Herz vor Angst, als er plötzlich von den anderen getrennt und in die laute und schmutzige Fabrikstadt Millmoor gebracht wird. Die Arbeit dort ist besonders hart. Seine Schwestern sind mit den Eltern am prunkvollen Hofe der Jardines den rücksichtslosen Machtspielen und eiskalten Intrigen der Elite ausgesetzt. Vor allem der junge Adlige Silyen verfolgt mit seinen ungeheuerlichen magischen Fähigkeiten eigene Ziele. Und Lukes Schwester Abi verliert ihr Herz an den Falschen.

Einordnung
- Zehn Jahre musst du opfern (Teil 1)
- Tarnished City (Teil 2; dt. unbekannt)
- Bright Ruin (Teil 3; dt. unbekannt)

Erster Satz
Zuerst hörte sie das Motorrad, dann das galoppierende Pferd – zwei weit entfernte Geräusche in der Dunkelheit, die schnell näher kamen, während sie hastig weiterlief.
(Seite 7)

Rezension
Ich war wirklich neugierig auf das Buch, gerade weil der Klappentext doch ziemlich dramatisch klingt. Letztlich muss ich jetzt aber leider sagen, dass ich so viel davon nicht in der Geschichte wiedergefunden habe. Der größte Knackpunkt stellt dabei für mich die Grundidee des Buches dar: die Sklavenzeit. Sie klingt schrecklich und die Informationen, die in den ersten Kapiteln darüber geliefert werden, unterstreichen das: Wer die Sklavenzeit zu jung antritt, wird sie nie wieder los, wer sie zu alt antritt, überlebt sie nicht; während dieser Zeit verlieren die Bürger sämtliche Rechte und sind lediglich Besitztümer des Staates; bei der Verabschiedung der Familie in die Sklavenzeit herrscht die Atmosphäre einer Beerdigung; von den Fabrikstädten wird mit großer Angst berichtet.
Als Luke und seine Familie ihre Sklavenzeit dann aber tatsächlich antreten, ist von diesem Grauen nichts zu merken. Luke in der Fabrikstadt Millmoor hat recht humane Arbeitszeiten, freie Sonn- und Feiertage, nach der Arbeit noch jede Menge überschüssige Energie und kann sich in der Gemeinschaftsküche Sandwiches machen, wenn er möchte. Insgesamt machte es nicht den Eindruck als sei das Leben in Millmoor besonders grausam, hart und lebensverändernd. Noch sehr viel weniger deutlich wird der angebliche Schrecken der Sklavenzeit beim Rest der Familie. Sie haben dort Freizeit ohne Ende, ihnen werden Aufgaben zugewiesen, für die sie leidenschaftlich brennen, nachmittags backt die Mutter einen Apfelkuchen und Lukes große Schwester Abi kann sich respektlose Frechheiten und Zuwiderhandlungen en masse gegenüber den Mitgliedern der mächtigsten Adelsfamilie erlauben, ohne dass es Konsequenzen nach sich zieht. Das alles untergräbt das Konzept der Geschichte völlig. Natürlich bleibt die Sklavenzeit ungerecht, aber insgesamt wird sie so angenehm und entspannt dargestellt, dass Großteile der Handlung für mich nicht ins Konzept gepasst haben.

Neben der Umsetzung der Grundidee fand ich auch die Art des Erzählens eher weniger gelungen. Die Geschichte wird erzählt aus (ich glaube) sieben verschiedenen Perspektiven, die unterschiedlich häufig berichten. Da Luke sich an einem anderen Ort befindet als die anderen Figuren, ist seine Perspektive am häufigsten vertreten. Damit ist er fast die einzige Figur, zu der ich tatsächlich eine Bindung aufbauen konnte. Seine Kapitel fand ich spannend und interessant, weil ich auch seine Entwicklung gerne verfolgt habe. Überzeugen konnte mich sonst nur noch Silyen. Er ist tatsächlich mein Lieblingscharakter, weil er sehr mächtig zu sein scheint, kontrolliert im Hintergrund die Strippen zieht und offenbar eine größere Intrige plant.
Die anderen Figuren sind allesamt sehr blass geblieben und haben kaum etwas zur Entwicklung der Geschichte beigetragen: Leah erzählt nur in einem Kapitel von ihrem Tod, Abi erzählt relativ viele Kapitel, die aber nur von ihrer völlig belanglosen Instant-Liebesgeschichte berichten, Bouda macht in einem Kapitel ihre machthungrigen Absichten deutlich, regt sich danach aber nur noch über ihren Verlobten Gavar auf, Gavar lässt sich im Gegenzug schnell von Bouda zur Weißglut treiben, während er sich von seinem Vater herumschubsen lässt, und Tante E erzählt ein Kapitel, vermutlich weil ihr Schicksal noch eine Weile mysteriös bleiben sollte, das allerdings so offensichtlich ist, dass auch Silyen als einzige andere auftauchende Figur das Kapitel hätte erzählen können.
Hinzu kommt, dass durch die vielen Perspektiven umso mehr andere Charaktere erwähnt werden – die so merkwürdige Namen haben, dass ich sie mir einfach nicht merken konnte. Daher kann ich sie auch nur als Tante mit E, Kanzler mit Z und verschwundener Erbe mit M benennen. Für einige Namen und Orte hat die Autorin in der Geschichte Erklärungen zur Aussprache eingebaut; in der Flut merkwürdiger Namen hatte ich das allerdings zwei Seiten später schon wieder vergessen.

Leider konnte mich die Handlung des Buches außerdem auch nicht überzeugen. Das lag vor allem daran, dass die Geschichte sehr oberflächlich erzählt wird. Zwischen den einzelnen Kapiteln vergehen teilweise Wochen oder sogar Monate. Immer wieder gab es richtig interessante Ansätze für Nebenhandlungen, die dann aber allesamt im Sande verlaufen sind, weil stattdessen drei Monate bis zur nächsten Konferenz der Adligen übersprungen wurden. Insgesamt vergeht während dieses ersten Buches ungefähr ein Jahr, während dem die Kapitel ausschnittsweise von den Entwicklungen berichten. Viel Platz wird dabei für sinnlose Schmacht-Szenen zwischen Abi und ihrem Angebeteten verschwendet. Diese Szenen beinhalten weder neue Erkenntnisse noch eine dramatische Wendung und tragen überhaupt nichts zur Geschichte bei. Die Kapitel, in denen die Handlung tatsächlich vorangetrieben wird, bleiben aber leider auch sehr oberflächlich. Es fehlt an Tiefe und Details, um die Szenen spannend zu gestalten. Abgesehen davon läuft ohnehin immer alles glatt, sodass es manchmal regelrecht langweilig war. Dadurch, dass die Handlung immer nur kurz angerissen und grob überflogen wurde, fehlen auch jede Menge Erklärungen, sowohl zur Welt als auch zur Handlung. Es gibt viele lose Enden, die einfach ignoriert werden. Und bis zum Schluss gibt es keine Erläuterung zu den Zielen und Motiven der Charaktere. In einem ersten Band einer Trilogie kann natürlich nicht alles verraten werden, aber dass es überhaupt keine Offenbarungen gab, lässt mich wirklich unzufrieden zurück.

Fazit
Es gibt in diesem Buch zwei Aspekte, die mich am Ball gehalten haben: der sympathische Luke und der mächtige, mysteriöse Silyen. Der Rest konnte mich leider nicht überzeugen. Die interessante Grundidee der Sklavenzeit wird von der Umsetzung völlig untergraben. Es erzählen zu viele Charaktere, um eine Bindung zu ihnen aufbauen zu können. Die Figuren haben auch so merkwürdige Namen, dass ich sie mir nicht merken konnte. Teilweise sind die Perspektiven außerdem vollkommen belanglos. Da in diesem Buch viel Zeit vergeht, wird sehr oberflächlich berichtet. Szenen werden nur kurz angerissen, weil ohnehin alles glatt läuft. Es fehlen überall Erklärungen und Details, dafür gibt es umso mehr Zeitsprünge. Außerdem gibt es bis zum Schluss keine Offenbarungen, nicht einmal kleine Appetithäppchen, die neugierig auf den nächsten Teil machen könnten. Insgesamt war „Dark Palace – Zehn Jahre musst du opfern“ für mich einfach zu sehr ein grober erster Entwurf als dass ich mehr als zwei Schreibfedern vergeben könnte.


Ich bedanke mich beim Fischer Verlag und bei Lovelybooks für das Rezensionsexemplar.

Kommentare:

  1. Liebe Jenny,
    ich habe vor deiner Rezension noch gar nichts von diesem Buch gehört. Beim Lesen der Rezension ist mir zuerst die Inhaltsangabe ins Auge gefallen, die mir so gefallen hat, dass ich tatsächlich drüber nachgedacht habe, mir das Buch mal näher anzuschauen. Hörte sich echt gut an. Nachdem ich deine Worte dazu jetzt jedoch gelesen habe, habe ich mich wieder umentschieden. Kennst du das Sprichwort "Zu viele Köche verderben den Brei"? Daran musste ich sofort denken, als ich von den vielen Erzählern gelesen habe. Das ist nichts für mich. Und wenn die Geschichte eher so dahinplätschert und nicht mal neugierig auf die weiteren Bände macht, dann werde ich doch besser Abstand nehmen.
    Hab einen schönen Abend.
    Alles Liebe
    Dörte

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    1. Liebe Dörte,
      mir ist das Buch auch durch den Klappentext aufgefallen. Weil ich es so ungewöhnlich fand, dass eine solche Geschichte scheinbar von einem männlichen Protagonisten erzählt wird. Üblich wäre gewesen, es aus Abis Sicht zu schildern. Weibliche Protagonistin am Hof, die sich in den Sohn des Herrschers verliebt. Das hatten wir schon unendlich oft. Aber dieselbe Geschichte aus der Sicht des Bruders, das hat mich neugierig gemacht. Bekommen habe ich dann irgendwie beides und nichts.
      Ja, ich kenne das Sprichwort. Das passt gut. Ich würde noch ergänzen, dass in dem Buch "nichts Halbes und nichts Ganzes" zustande gekommen ist, weil die Autorin so viele Geschichten auf einmal zu erzählen versucht hat. Schade. Aber empfehlen kann ich dir das Buch wirklich nicht.
      Liebe Grüße,
      Jenny

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