Samstag, 27. Oktober 2018

[Rezension] Mortal Engines 1: Krieg der Städte – Philip Reeve

Mortal Engines 1: Krieg der Städte von Philip Reeve
zum Verlag

Titel: Mortal Engines – Krieg der Städte
Autor: Philip Reeve
Verlag: Fischer
Erscheinungsdatum: 24. Oktober 2018
Einband: Softcover
Seiten: 333
ISBN: 978-3-596702-12-1
Preis: 12,00 € [D]

Klappentext
Niemand hatte mit einem Attentat gerechnet. Als das Mädchen mit dem Tuch vor dem Gesicht ein Messer zückt, um den Obersten Historiker Londons, Thaddeus Valentine, umzubringen, kann ihm der junge Gehilfe Tom in letzter Sekunde das Leben retten. Er verfolgt das Mädchen, das jedoch durch einen Entsorgungsschacht in die Außenlande entkommt. Dass Valentine, statt seinem Retter zu danken, den Jungen gleich mit hinausstößt, konnte ebenfalls beim besten Willen keiner ahnen ...
Damit beginnt Toms abenteuerliche Odyssee durch die Großen Jagdgründe zurück nach London. Begleitet wird er von der unbeirrbaren Hester Shaw, die fest entschlossen ist, den Mord an ihren Eltern zu rächen. Sie treffen auf Sklavenhändler und Piraten, werden von einem halbmenschlichen Kopfgeldjäger verfolgt und von einer Aeronautin namens Anna Fang gerettet. Und all das, während Valentine plant, mittels einer Superwaffe aus dem Sechzig-Minuten-Krieg die Feinde der fahrenden Städte zu vernichten …


Einordnung
- Krieg der Städte (Teil 1)
- Jagd durchs Eis (Teil 2)
- Der Grüne Sturm (Teil 3)
- Die verlorene Stadt (Teil 4)

Erster Satz
Es war ein dunkler, böiger Nachmittag im Frühling, und im ausgetrockneten Bett der Nordsee eröffnete London die Jagd auf eine kleine Schürferstadt.
(Seite 9)

Rezension
An dieses Buch bin ich mit den völlig falschen Erwartungen herangegangen. Der Aufkleber auf dem Cover verkündet, aus dem Buch würde „Der neue Kino-Blockbuster von Peter Jackson“ werden und der Trailer zum Film sah auch vielversprechend aus. Dementsprechend habe ich eine epische, spannende Science-Fiction-Geschichte erwartet. Bekommen habe ich stattdessen ein Kinderbuch, das in meinen Augen nicht einmal besonders liebevoll umgesetzt wurde. Ich kann mir die Geschichte sehr gut als Blockbuster vorstellen und stellenweise hatte ich das Gefühl, der Autor hätte auch lieber einen Film daraus gemacht. Selbst als Buch hätte die abgefahrene Idee, Städte mobil zu machen und sie sich gegenseitig jagen zu lassen, funktionieren können, wenn die Umsetzung nicht so völlig daneben gegangen wäre.

Schon von den ersten Seiten an hat der Schreibstil in mir das Gefühl geweckt, ich würde ein Kinderbuch lesen. Die Beschreibungen waren oberflächlich und platt. Es gab keine Details. Die Kapitel lasen sich wie eine Zusammenfassung, weil beispielsweise oftmals einfach nur das Ergebnis eines Gesprächs genannt wird, statt das Gespräch zu schildern. Dadurch sind alle Szenen schnell abgehakt, es gibt Zeitsprünge ohne Ende und manchmal wird in einem Kapitel, das scheinbar direkt an das vorherige anschließt, drei Seiten später in einem Nebensatz erwähnt, dass übrigens inzwischen eine Woche vergangen ist. Deshalb bin ich nie wirklich in die Geschichte hinein gekommen. Alles wirkte eher wie ein vorläufiges, zusammengefasstes Konzept, insbesondere was Toms Reiseroute anging, weil er nach 100 Seiten schon sechsmal quer über den europäischen Kontinent das Setting gewechselt hatte. In der gleichen Geschwindigkeit wechselten die Emotionen. Teilweise wurde das gesamte Spektrum in nur einem Satz abgearbeitet, sodass ich mir gar nicht mehr die Mühe gemacht habe, hinterher zu kommen. Das Buch funktioniert nur über „telling“, nicht über „showing“. Es wird immer genannt, was die Charaktere fühlen, wo sie sich befinden oder welches Objekt gerade eine Rolle spielt, ohne Beschreibungen für irgendein Sinnesorgan einzufügen. Damit las es sich mehr wie ein Sachbuch als wie Belletristik. Außerdem war die Geschichte an vielen Stellen einfach nur unrealistisch. Beispielsweise wollen sie zu Fuß eine schnell fahrende Stadt einholen oder wandern mit Schusswunden im Bein und mehreren gebrochenen Rippen noch munter durch die Gegend. Selbst für ein Kinderbuch machte es an den meisten Stellen erschreckend wenig Sinn.
Und bislang habe ich noch nicht einmal die eindimensionalen Charaktere erwähnt. Diese sind auch geistig sehr einfach gestrickt, weil sie alle ihr Herz und ihr Hirn auf der Zunge tragen. Sie tun und sagen direkt und ungefiltert, was ihnen durch den Kopf geht. Dadurch gibt es keine Geheimnisse, keine hinterlistigen Pläne und grundsätzlich keine Überraschungen. Das war dezent langweilig, weil auch Dialoge kaum mal länger als drei Wortwechsel gedauert haben, da schließlich jeder ohne Umschweife sein Anliegen vorbringt und genauso direkt eine Antwort bekommt. Gleiches erwarten sie dann allerdings auch von allen anderen Figuren, sodass sie jedes Mal überrascht sind, wenn sie von den vollkommen offensichtlichen böswilligen Motiven der Menschen erfahren. Keiner der Erzähler hat irgendeine Form von Menschenkenntnis. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass Tom jedes Mädchen, das er trifft, auf ihre Schönheit oder Hässlichkeit reduziert. Er ist in ungefähr jedes Mädchen verliebt, das er trifft, und wiederholt immer wieder, wie hübsch sie doch alle sind. Und dann ist da noch Hester Shaw, die durch einen Schwertstreich im Gesicht entstellt ist, sodass ihr Mund zu einer hässlichen Fratze verzogen ist. Sie findet er hässlich und ihre Hässlichkeit wird auch jedes Mal erwähnt, wenn sie in der Geschichte vorkommt. In Summe sollen die Protagonisten alle um die 15 Jahre alt sein, benehmen sich aber wie höchstens Zehnjährige, sodass ich ihnen das einfach nicht abnehmen konnte. Leider trifft das aber nicht nur auf die Teenager, sondern auch auf die Erwachsenen zu, die auf einen Charakterzug reduziert werden und sich ebenfalls wie Kinder verhalten. Insbesondere in den „Bösen“ konnte ich kaum mehr als die Karikaturen von Bösewichten aus Geschichten für kleine Kinder sehen.

Der einzige Aspekt, der nicht so ganz dazu passt, dass es sich wie ein Buch für Grundschulkinder liest, ist der Berg an Leichen. Und das ist keine Übertreibung. Da Tom es keine zwei Seiten an einem Ort aushält, lernt er im Laufe seiner Reise eine Menge Menschen kennen oder wirft zumindest einen Blick auf ihre Städte. Die Personen, die am Ende des Buches noch am Leben sind, kann ich an einer Hand abzählen. Überall, wo Tom hinkommt, werden Menschen abgeschlachtet, in die Luft gesprengt oder schuften sich zu Tode. Leichen mit verrenkten Gliedmaßen, verkohlte Körper, niedergemetzelte Kinder und abgerissene Extremitäten stellen keine Seltenheit dar.
Die Art, wie von diesen Dingen berichtet wird, passt allerdings dann schon wieder zu einem Kinderbuch, denn Morde werden genauso geschildert wie der Rest der Geschichte: kurz, knapp und nebensächlich. Es wird in einem kurzen Satz erwähnt, dass die Piraten alle Menschen, die zu schwach zum Arbeiten sind, abschlachten und auf die Müllhalde werfen. Tom streitet sich mit einem Mann über einen Schwerkranken und eine Seite später wird eingeworfen, dass der Kranke übrigens gerade gestorben ist. Bei einer näher bekannten Figur stellt Tom fest, dass sie nach ihrem Tod „dümmlich“ in den Himmel starrt. Die ganzen Todesfälle werden als so unwichtig und vor allem dermaßen respektlos dargestellt, dass mir dazu echt nichts mehr einfällt.

Fazit
Das Buch ist völlig an meinen Erwartungen vorbei gegangen und hat mir überhaupt nicht gefallen. Es las sich für mich wie ein liebloses Kinderbuch: oberflächliche Erzählungen, keine Details, viele Zeitsprünge und einige unrealistische Aspekte, die einfach keinen Sinn ergaben. Die Charaktere waren eindimensional, langweilig, ohne jegliche Menschenkenntnis und haben sich benommen wie Zehnjährige – sowohl die Jugendlichen als auch die Erwachsenen. Das alles wurde gemischt mit blutigem Niedermetzeln unzähliger Menschen und einem riesigen Berg verstümmelter Leichen, wobei beides als unwichtige Nebensächlichkeit und ohne jeglichen Respekt immer nur kurz am Rand erwähnt wurde. An „Mortal Engines: Krieg der Städte“ gab es außer der Tatsache, dass es fahrende Städte gibt, schlichtweg nichts, woran ich auch nur im Ansatz Gefallen gefunden hätte, sodass ich nur eine Schreibfeder vergebe.

1 Feder

Kommentare:

  1. Hi Jenny,

    ich hab es auch grade gelesen und ich war auch etwas enttäuscht, aber ganz so schlecht fand ich es dann doch nicht. ^^

    Dass es ein Kinderbuch ist wusste ich schon, dank goodreads. Auf der Verlagsseite ist es leider nicht ersichtlich. Deshalb war mir das schon vorher klar und ich hatte andere Erwartungen. Als Film kann das auf jeden Fall richtig gut werden, als Buch war es mir als Erwachsene oft zu oberflächlich und vorhersehbar.

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hey Aleshanee,

      bisher hatte ich überall nur fünf Sterne Bewertungen gesehen, deshalb bin ich schon ganz erleichtert, wenn es für jemand anderen zumindest kein Highlight gewesen ist. :D Ich habe mich schon gefragt, ob ich vielleicht ein anderes Buch gelesen habe...
      Mir war leider nicht klar, dass es sich um ein Kinderbuch handelt. Ich wusste nicht mal, dass TOR auch Kinderbücher verlegt. Von daher hat da die Enttäuschung richtig reingehauen. Aber auch, nachdem ich mich darauf eingelassen hatte, fand ich es selbst für ein Kinderbuch immer noch ziemlich niveaulos. Kinder brauchen vielleicht nicht die Komplexität, die Erwachsene verstehen, aber das ist für mich kein Grund, eine Geschichte oberflächlich und lieblos abzuhandeln, nur weil Kinder das vielleicht nicht merken... Aber ja, ich stimme dir zu, als Film wird das bestimmt echt gut. Den Trailer fand ich ja schon super - auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass die ach so hässliche Hester nicht einmal halb so entstellt ist wie sie sein sollte.

      Liebe Grüße zurück,
      Jenny

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