Mittwoch, 28. November 2018

[Rezension] Eiswelt – Jasper Fforde

Eiswelt von Jasper Fforde
zum Verlag

Titel: Eiswelt
Autor: Jasper Fforde
Verlag: Heyne
Erscheinungsdatum: 12. November 2018
Einband: Softcover
Seiten: 651
ISBN: 978-3-453319-69-1
Preis: 14,99 € [D]

Klappentext
Die Menschen der Eiswelt leben wie wir, hören dieselbe Musik wie wir, und sie lieben und hassen wie wir auch – bis zum ersten Wintertag. Dann gehen sie in den Winterschlaf. Fast alle jedenfalls. Charlie Worthing bleibt wach und passt auf, dass nichts die Schlafenden stört. Unheimliche Wesen draußen in der Dunkelheit etwa, oder seltsame, todbringende Träume. Denn der Winter, das steht fest, ist nichts für Feiglinge – und Charlie ist kein Feigling. Das hofft er zumindest.


Einordnung
Das Buch ist kein Teil einer Reihe.

Erster Satz
... Seit dem Bau von Dormitorien, der Entwicklung von effizienten Maßnahmen zur Gewichtszunahme und der Einführung von Morphenox überleben mehr Menschen als früher die Hibernation, aber dennoch sind Angst und Aberglauben weit verbreitet.“
(Seite 7)

Rezension
Ich bin kein Freund von Büchern, die es darauf anlegen, Kritik an der modernen Gesellschaft zu üben. Ja, im Grunde tun Science-Fiction-Bücher das immer, aber oftmals kann ich trotzdem einfach die Geschichte lesen, ohne dass mir die Kritik oder die Moral von der Geschicht' ins Gesicht springt. In „Eiswelt“, und das rechne ich dem Autor hoch an, ging erstaunlicherweise beides. Ich habe interessiert und fasziniert die Geschichte verfolgt, die in einer Welt spielt, die unsere moderne Welt so offensichtlich konterkariert, dass es einfach nicht zu übersehen ist.
In Ffordes Welt, die sich nach wie vor in der Eiszeit befindet, herrscht Klimawandel: es wird jedes Jahr immer kälter. Um diese Entwicklung aufzuhalten, gibt es Vergütungen für die Länder, die einen besonders hohen Emissionsausstoß haben. In den eisigen Wintern begeben sich die Menschen in den Winterschlaf. Dafür müssen sich sich im Herbst möglichst viele Fettreserven anfuttern, das heißt: Kalorienzählen ist angesagt (je mehr, desto besser!) und jegliche körperliche und geistige Aktivität wird so weit wie nur irgend möglich eingeschränkt, um den Energieverbrauch zu reduzieren. Zudem wächst den Menschen ein Winterpelz, sodass sie schlussendlich überall behaart sind. Diese und viele weitere Aspekte, die unserer modernen Gesellschaft so offensichtlich widersprechen, verknüpfen sich sinnvoll und schlüssig zu einer faszinierenden Welt, die die perfekte Grundlage für die spannende Geschichte liefert.

Bis das Buch tatsächlich spannend wird, dauert es allerdings eine Weile. Die Handlung wird sehr, sehr langsam aufgebaut. Die Eiswelt wird in allen Details beschrieben und erläutert, wenn sich die Gelegenheit bietet, und alle Charaktere werden ausführlich vorgestellt. Währenddessen werden bereits die Grundlagen für die Handlung gelegt, doch es dauert lange, bis diese richtig ins Rollen kommt. Dann ist sie aber sehr spannend, denn der Autor geht nicht gerade zimperlich mit liebgewonnenen Charakteren um. Auch brauchen wichtige Figuren lange, bis sie Charlie ins Vertrauen ziehen, sodass sich erst nach und nach herauskristallisiert, in welchen Konflikt er dort hinein geraten ist. Oder eher: In welche Konflikte. Bis zur Auflösung wusste ich nicht sicher, wie viele verschiedene, unabhängige Auseinandersetzungen es dort eigentlich gibt, wie viele Parteien in welchen Konflikt involviert sind und welche Person auf welcher Seite steht. Das Buch hat mich wirklich lange rätseln lassen, worauf es überhaupt hinauslaufen soll.

Überraschungen hat der Autor aber nicht nur in der Handlung, sondern auch in vielen Charakteren versteckt. Eine Menge Enthüllungen kamen für mich vollkommen unerwartet. Vieles habe ich so tatsächlich nicht kommen sehen. Das hat mir sehr gefallen, denn es hat den Figuren noch mehr Tiefe gegeben. Zugegebenermaßen war ich mir zwischendurch nicht sicher, ob ich noch eine Merkwürdigkeit würde verkraften können, denn fast alle Charaktere sind, gelinde gesagt, skurril. Doch jedes Mal, kurz bevor der Autor mich verloren hat, hat eine Figur ein Geheimnis offenbart, dass bei mir gleichermaßen Faszination und Verständnis ausgelöst hat. So sind sie mir mit der Zeit still und heimlich ans Herz gewachsen und ich begonnen zu hoffen (manchmal vergeblich), dass der Winter sie nicht holen würde.

Fazit
Die „Eiswelt“, in der die Geschichte spielt, konterkariert unsere moderne Welt so sinnvoll, schlüssig und interessant, dass mir die offensichtliche Gesellschaftskritik das Lesevergnügen überraschenderweise nicht verdorben hat. Die Welt ist die perfekte Grundlage für die spannende Geschichte, die immer wieder mit überraschenden Wendungen aufzuwarten weiß und mich über viele Dinge bis zum Schluss hat rätseln lassen. Die skurrilen, faszinierenden Charaktere überraschen immer wieder mit Enthüllungen, die ich absolut nicht habe kommen sehen, und erhalten damit nicht nur Tiefe, sondern sind mir auch wirklich ans Herz gewachsen. „Eiswelt“ hat mir als interessantes Gesamtkonzept mit gelungener Umsetzung gut gefallen und bekommt dafür vier Schreibfedern.

4 Federn

Ich bedanke mich beim Heyne Verlag und beim Bloggerportal Randomhouse für das Rezensionsexemplar.

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