Sonntag, 15. September 2019

[Rezension] Das Silmarillion – J. R. R. Tolkien

[Rezension] Das Silmarillion – J. R. R. Tolkien
zum Verlag

Titel: Das Silmarillion
Autor: J. R. R. Tolkien
Verlag: Hobbit Presse
Erscheinungsdatum: 28. November 2016
Einband: Hardcover
Seiten: 510
ISBN: 978-3-608938-29-6
Preis: 27,00 € [D]

Klappentext
„Das Silmarillion“ erzählt von den Ereignissen des Ersten Zeitalters – jener fernen Epoche von Mittelerde, auf welche die Helden des „Herrn der Ringe“ immer wieder in Ehrfurcht zurückblicken.
Mittelerde lag im Dämmerlicht unter den Sternen ... eine Zeit, in der die Elben große Dinge schufen. Aber am schönsten von allen sind die Silmaril, die Edelsteine, in die das Licht der Bäume eingeschlossen ist. Das Licht, das noch älter ist als Sonne und Mond ... Doch Melkor, der Meister des Verrats, raubt die einzigartigen Silmaril.
Lesen Sie neben vielen anderen Ereignissen des Ersten Zeitalters, wie Feanor, der die Silmaril geschaffen hat, mit seinen Söhnen alles daransetzt, sie der dunklen Macht Melkors wieder zu entreißen.
„Das Silmarillion“ ist das erste Werk, das Christopher Tolkien nach dem Tod gemäß den Plänen seines Vaters herausgegeben hat. In diesen Geschichten ist der Boden bereitet, den die Hobbits und ihre Gefährten betreten werden.


Einordnung
Das Buch ist nicht direkt Teil einer Reihe, beinhaltet aber vermutlich Spoiler zu allen anderen in Mittelerde angesiedelten Büchern.

Erster Satz
'Eru war da, der Eine, der in Arda Ilúvatar heißt; und er schuf erstens die Ainur, die Heiligen, Sprösslinge seiner Gedanken; und sie waren bei ihm, bevor irgend andres erschaffen war.'
(Seite 53)

Rezension
Mitte des Jahres war ich bei den Tolkien Tagen in Geldern und habe mir dort diverse Vorträge über Tolkien und Mittelerde angehört. Dabei wurde unter anderem erwähnt, dass Leser regelmäßig am Silmarillion verzweifeln. Da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie jemand an einem nicht einmal besonders dicken Buch scheitern kann, habe ich gleich selbst danach gegriffen. Jetzt muss ich gestehen, hätte ich nicht aus reinem Trotz beschlossen, mich von diesem Buch nicht besiegen zu lassen, hätte ich es niemals bis zum Ende geschafft. Drei Monate habe ich gebraucht, weil ich kaum jemals mehr als 30 Seiten am Stück zu lesen geschafft habe, und anschließend hatte ich für einige Tage die Nase gestrichen voll von Büchern.

Mein größtes Problem mit diesem Buch war, dass es keine Geschichte im herkömmlichen Sinne beinhaltet, die sich einfach weglesen lässt. „Das Silmarillion“ ist eine Mischung aus Schöpfungsgeschichten, in Worte gefassten Landkarten und Stammbäumen, historischen Abrissen wichtiger Ereignisse und einzelnen Kurzgeschichten. Im Grunde ist es Bibel, Geographie- und Geschichtsbuch in einem – für eine vollkommen fiktive Welt. Es beschreibt, wie ein gottähnliches Wesen die Welt und ihre Bewohner erschafft. Es schildert über Dutzende Seiten, welche Ländereien zwischen welchen Gebirgen liegen, wo diverse Flüsse entspringen, welches Volk in welchem Wald lebt, welche besonderen Ereignisse auf welchem Berg stattgefunden haben und in welcher Sprache welcher Ort wie heißt und warum. Eingeflochten werden die Namen der Fürsten oder Könige, die an den jeweiligen Orten regieren, gegebenenfalls mit den Namen ihrer Vorfahren und auf jeden Fall mit den Namen vieler Nachfahren, um zu verdeutlichen, wann welche Herrscherlinien über welche Ehe miteinander verschmolzen sind. Das ist genauso kompliziert und unfassbar anstrengend zu lesen wie es hier klingt.
Insbesondere bei den Namen habe ich irgendwann aufgegeben. Jedes Mal, wenn ein Ort erwähnt wurde, habe ich zur Karte geblättert und diesen Ort darauf gesucht. Meist erfolgreich, manchmal auch nicht. Irgendwann hatte ich zumindest ein Gefühl dafür, ob ich auf der linken oder der rechten Seite danach suchen musste. Wurde allerdings die Ortsbezeichnung in einer anderen Sprache als der der Karte genannt, habe ich es nicht geschafft, die Verbindung herzustellen. Noch extremer ist mir das bei den Namen von Personen aufgefallen. Auch hier habe ich jedes Mal in den Stammbäumen nachgeschlagen, um mich zu erinnern, um welche Person es geht. Leider waren aber auch in den Stammbäumen nur die Namen eingetragen, die die Personen bei ihrer Geburt erhalten haben. Menschen nennen Personen jedoch anders als die Elben. Selbst zwischen den Elbenstämmen gibt es Unterschiede. Und wenn eine Person eine besondere Tat vollbracht hat, bekam sie einen entsprechenden Namen. In diesem Buch tauchen also nicht nur hunderte Figuren mit familiär bedingt sehr ähnlichen Namen auf (oftmals gleiche Anfangsbuchstaben bei nahen Verwandten), sondern viele Charaktere bekommen im Laufe der Geschichte auch noch unterschiedliche Namen. Irgendwann hat das dazu geführt, dass ich nicht einmal mehr bemerkt habe, dass der junge Mann mit den fünf verschiedenen Namen gerade seine verschollene Schwester geheiratet und geschwängert hat. Wenn ich dieses Buch noch zwanzig bis dreißig Mal lesen würde, bestünde vielleicht die Chance, dass ich dem Inhalt irgendwann folgen kann. Dieses eine Mal reicht auf jeden Fall nicht.

Meine umständlichen, ausschweifenden Versuche, den Inhalt des Buches und meine Probleme damit darzustellen, machen auf der anderen Seite bereits deutlich, was für ein Meisterwerk dieses Buch inhaltlich darstellt. Es ist faszinierend bis unglaublich, wie detailreich die Welt ist, die Tolkien sich ausgedacht hat. Welcher Erfinder einer High Fantasy Welt kann schon von sich behaupten, die gesamte Geschichte der Welt ab der Entstehung dokumentiert zu haben? Wie eine Kurzversion der Bibel mit nahtlosem Übergang in Beschreibungen des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs, der französischen Revolution und des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Nur eben für eine vollkommen fiktive Welt. Davor kann ich nur den Hut ziehen. Die Leistung, dieses komplexe Werk zu entwickeln, verdient absoluten Respekt und daher eigentlich fünf Sterne.

Fazit
Dieses Buch habe ich nur aus reinem Trotz zu Ende gebracht. Grundsätzlich ist es unglaublich, wie detailliert die Welt ist, die Tolkien sich ausgedacht hat. Schöpfung, Geographie, Herrscherlinien, geschichtliche Ereignisse, Ursprünge von Legenden – Mittelerde ist ein Meisterwerk. Dieses Buch war es aber leider nicht. Als Mischung als Bibel, Geographie- und Geschichtsbuch mit unfassbar vielen Figuren mit teilweise mehreren Namen, die sich auch noch sehr ähneln, war das Buch einfach nur unbeschreiblich anstrengend zu lesen. Ich habe immer höchstens 30 Seiten am Stück geschafft, überhaupt nicht durchgeblickt und völlig den Faden verloren. Mittelerde ist viel zu alt und komplex, um es in einem einzigen so dünnen Buch auch nur ansatzweise verständlich darstellen zu können. Bei Interesse verschiedene Artikel auf einschlägigen Fan-Seiten zu lesen, ist da vermutlich ergiebiger. „Das Silmarillion“ ist inhaltlich ein Meisterwerk, dessen Umsetzung mich aber an die Grenze zur Verzweiflung getrieben hat, sodass ich in Ermangelung jeglichen Lesevergnügens nur zwei Schreibfedern vergeben kann.


2 Federn

2 Kommentare:

  1. Hallo Jenny,

    beeindruckend, dass du es durchgelesen hast. :D Es klingt unheimlich faszinierend, was Tolkien alles entwickelt hat und krass und beeindruckend, aber ... ich bin trotzdem nicht sonderlich motiviert, all das zu lesen, erst recht nicht nach deiner Rezension. Ich bezweifle, dass ich mehr Freude beim Lesen hätte, auch wenn dieses World Building echt cool ist!

    Liebe Grüße
    Dana

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey Dana,

      das war wirklich ein purer Willensakt. :D Ich habe einfach beschlossen, dass ich mich nicht besiegen lassen werde. Seite für Seite ging es vorwärts. Aber zum Lesen ist das Buch irgendwie echt ungeeignet. Als Nachschlagewerk aber auch, weil es zwar einzelne Geschichten gibt, aber keine richtigen Kapitel. Du kannst also nicht mal eben nachschlagen, wie das mit Person XY noch mal war. Da eignet sich dann ein Tolkien-Wikipedia besser, fürchte ich...

      Liebe Grüße zurück
      Jenny

      Löschen

Hinweise zum Datenschutz: Mit dem Verfassen eines Kommentars sowie dem Abonnement weiterer Kommentare stimmst du der Erhebung und Speicherung personenbezogener Daten (z. B. IP-Adresse) zu. Weitere Hinweise finden sich in der Datenschutzerklärung sowie der Datenschutzerklärung von Google.