Donnerstag, 4. März 2021

[Rezension] Eine Seuche in der Stadt – Ljudmila Ulitzkaja

zum Verlag

 

Titel: Eine Seuche in der Stadt

Originaltitel: Просто чума [Russisch]
Autor: Ljudmila Ulitzkaja
Übersetzer: Ganna-Maria Braungardt
Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 25. Januar 2021
Einband: Hardcover
Auch erschienen als: eBook
Seiten: 111
ISBN: 978-3-446269-66-8
Preis: 16,00 € [D]


Klappentext

Moskau 1939. Rudolf Iwanowitsch Mayer, Forscher am Pest-Institut von Saratow, berichtet über den Stand der Entwicklung eines Impfstoffs. Noch ahnt niemand, dass Mayer selbst infiziert ist. Aber schon am Abend wird er mit Fieber und Schüttelfrost ins Krankenhaus gebracht. Diagnose: Lungenpest. Das Krankenhaus wird unter Quarantäne gestellt, wer mit dem Forscher Kontakt hatte, zu Hause abgeholt. In der Zeit des Großen Terrors fürchtet jeder, in Stalins Folterkeller verschleppt zu werden.


Einordnung

Das Buch ist kein Teil einer Reihe.


Erster Satz

'Durch eine riesige Schneesturmwüste rollt, mit den Scheinwerfern den tanzenden Schneewirbel beleuchtend, ein Güterzug.'
(Seite 7)


Rezension

Meine Lobeshymne auf dieses Buch könnte mehr Seiten füllen als das Buch selbst hat. Obwohl das Szenario, ursprünglich konzipiert als Drehbuch, mit 111 Seiten vergleichsweise kurz ist, steckt so viel darin, dass es mir auch nach Tagen immer noch schwer fällt, meine Gedanken präzise in Worte zu fassen. Zuerst hat dieses großartige, erschütternde Buch mich schlichtweg sprachlos zurückgelassen. Inzwischen möchte ich jedem, der es hören will (oder auch nicht hören will), die gesamte Geschichte nacherzählen und zu jeder Szene beschreiben, weshalb sie so genial ist.


Das Szenario beruht auf einer wahren Begebenheit: Im Jahr 1939 drohte in Moskau der Ausbruch einer Lungenpest-Epidemie. Ein Impfstoffforscher hat sich versehentlich infiziert und ist direkt im Anschluss zu eine Konferenz in Moskau aufgebrochen – angereist mit dem Zug, untergebracht in einem Hotel, Sprecher auf einer großen Konferenz. Insgesamt gibt es nach nur zwei Tagen 83 Kontaktpersonen der Kategorie 1.

Es hätte eine unvorstellbare Katastrophe werden können, weil die Lungenpest hochinfektiös und fast immer letal ist. Stattdessen geschieht etwas anderes Unvorstellbares: Der Geheimdienst der UdSSR arbeitet das erste und einzige Mal in seiner Geschichte zum Wohle des Volkes und rettet Menschenleben.

Um zu verstehen, weshalb das ein solches Paradoxon ist, ist ein historische Einordnung notwendig. Das Jahr 1939 liegt mitten in der Zeit der Stalinschen Säuberungen. Bei diesen Säuberungen wurden massenhaft Personen, die Stalin als politische Gegner angesehen und denen er Verbindungen zu verfeindeten Staaten wie Finnland unterstellt oder angehängt hat, verhaftet, in Arbeitslager deportiert oder hingerichtet. Es ist unklar, wie viele Opfer diese Säuberungen gefordert haben; Schätzungen liegen zwischen 4,4 und 22 Millionen Toten, darunter auch mehrere zeitweilige Chefs des Geheimdienstes. Dieser Geheimdienst war es, der für die Verhaftungen und Liquidierungen zuständig war. Dazu hat er ein Netz flächendeckender Überwachung installiert, überall Spitzel angeworben, Menschen mittels Propaganda manipuliert oder schlichtweg durch Einschüchterung gefügig gemacht. Es war trauriger, grausamer Alltag, dass nachts willkürlich Personen aus ihren Betten gezerrt wurden und nie wieder aufgetaucht sind.


Zu diesen Zeiten nun spielt das Buch. Der Geheimdienst, der seine Augen und Ohren überall hat und damit schnell und umfassend durchgreifen kann, wird damit beauftragt, die Kontaktpersonen zu finden und zu isolieren – ohne irgendetwas über die Pest verlauten zu lassen, um keine Panik auszulösen. Atemberaubend und ausdrucksstark fasst Ulitzkaja den schieren Horror der Personen, wenn die schwarzen Wagen mitten in der Nacht vorfahren, in Worte. Kurze Sätze wie Regieanweisungen, in wundervoller, poetischer Sprache, stehen in krassem Gegensatz zum Inhalt, zu Schilderungen von angstgetriebenen Suiziden und Denunzierungen; gerade dieser Widerspruch macht das Buch so eindrücklich.

Es hat mich mit Grauen erfüllt zu lesen, wie unschuldige, aufrichtige Männer sich erschossen haben, um Folter und Lagerhaft zu entgehen – insbesondere, weil ich wusste, dass sie eigentlich nur in Quarantäne gebracht werden sollten. Und wie ein einfühlsamer Mitarbeiter nicht verhindern kann, dass eine Frau ihren unschuldigen, linientreuen Mann, der für die Pest-Quarantäne abgeholt wurde, denunziert, weil die Überzeugung, dass jede Verhaftung rechtmäßig ist, so tief in ihr verwurzelt ist, dass sie andere Optionen schlicht nicht in Betracht zieht. Das zeigt mehr als deutlich, wie krank und kaputt der Staat und das ganze System war. All diese Schicksale hat Ulitzkaja so intensiv, beklemmend und eindrücklich erzählt, dass es mich auch Tage später noch beschäftigt. Das Grauen, das die Menschen damals erlebt haben, ist für uns heute schlicht unbegreiflich.


In der heutigen Zeit bekommt das Buch, obwohl schon 1978 geschrieben, noch mal eine ganz neue Bedeutung. Die Corona-Pandemie hat die Welt fest im Griff. Wir befinden uns im Lockdown, wir müssen Masken tragen, seit Wochen sind Geschäfte geschlossen, seit Monaten herrschen Kontaktbeschränkungen. „Eine Seuche in der Stadt“ zeigt, dass es auch anders geht: fast alle Menschen können ihr Leben ungestört weiterleben, weil sie über die drohende Epidemie nicht informiert werden, die Kontaktpersonen, die in Rekordzeit isoliert wurden, werden nach wenigen Tagen entlassen und die Krise ist abgewendet. Die Frage ist jedoch: Ist es das wert? Wollen wir uns nicht lieber Restaurantbesuche verbieten und Masken aufzwingen lassen, als in der Gefahr zu leben, nachts willkürlich aus unseren Betten gezerrt und grundlos hingerichtet zu werden? Wollen wir nicht lieber unsere Haare selbst schneiden, als tagtäglich von Nachbarn bespitzelt zu werden? Wollen wir nicht lieber Spaziergänge mit Abstand und Zoom-Konferenzen mit unseren Lieben haben als uns zu fragen, wie lange sie wohl gefoltert werden, bevor man sie nach falschen Geständnissen hinrichtet? Gerade mit dem Wissen, dass das Buch auf wahren Begebenheiten beruht, wird eines sehr deutlich: Lockdown und wochenlange Einschränkungen sind ein geringer Preis, den wir für unser sicheres Leben in einer Demokratie zahlen.


Fazit

Ich habe sehr lange kein Buch mehr gelesen, das mich zuerst sprachlos gemacht und dann ein so großes Mitteilungsbedürfnis in mir geweckt hat. Dieses Buch ist großartig und erschütternd, ausdrucksstark und beklemmend, eindrücklich und intensiv. Es beruht auch einer wahren Begebenheit und ist dadurch nur noch bewegender. Ich könnte noch stundenlang weiter über dieses Buch referieren. „Eine Seuche in der Stadt“ ist ein Jahreshighlight für mich und bekommt dafür alle fünf Schreibfedern. Bitte lest das Buch.


Vielen, vielen Dank an den Hanser Verlag für das Leseexemplar!

1 Kommentar:

  1. Hallo Jenny,

    deine Rezension ist äußerst gut gelungen und ich merke richtig, wie sehr dich dieses Buch beeindruckt hat. Ich setze es sofort auf die Wunschliste, aber so etwas kann ich erst lesen, wenn die Corona-Geschichte einigermaßen ausgestanden ist. Momentan habe ich genug vom Viren-Thema.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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